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Full text of "Die Anfaenge des deutschen Minnnsanges: Eine Studie"

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DIE ANFÄNGE 



DES 



DEUTSCHEN MINNESANGES. 



EINE STUDIE 



VON 



ANTON E. SCHÖNBACH. 




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GRAZ. 

LEUSCHNER & LUBENSKY'S 

UITITXESXTÄTS'BUCBBAIIDLUSO. 
1898. 









LIBRARY OF THE 
LELAND STANFORD JR. U/\HVERSITY. 



DEN 



VORARLBERGER FREUNDEN 



LUDWIG VON HÖRMANN 

UND 

HERMANN SANDER 



IN TREUEN 



ZUGBEIGNET. 



Vorbemerkung. 



Vor kurzem hat Saran in seinem aufsatze Ȇber 
Hartmann von Aue«, Beitr. 23, i — 103, die frage der 
Chronologie von Hartmanns liedern neuerdings ein- 
gehend erörtert, dieser umstand, ferner das erscheinen 
des buphes von K Piquet »feude sur Hartmann d'Aue« 
(Paris 1898), das ich zu besprechen hatte, endlich die 
notwendigkeit, für die Vorlesungen das ganze problem 
wider durchzudenken, sie haben mir es auferlegt, 
den stand der sache von neuem vorurteilslos zu über- 
prüfen, dabei bin ich, besonders mit rücksicht auf die 
arbeiten von Jeanroy und Gaston Paris, mehrfach zu 
ansichten gelangt, die sich von meinen früheren nicht 
unwesentlich unterscheiden, und ich lege hier darüber 
rechenschaft ab, weil ich hoffe, dadurch beizutragen, 
dass sich aus dem Widerspruche der meinungen wenig- 
stens für etliche feste punkte ein consensus plurium 
ergebe, ich unterbreite zugleich den fachgenossen 
einige neue Vermutungen und neue tatsachen; mein 
wünsch ist, dass beide zur rechten beurteil ung des 
schwierigen hauptproblemes an ihrem teile mitwirken 
möchten. 

Graz, Frohnleichnam 1898. 

Anton E. Schönbach. 



Übersicht des Inhaltes. 



1. Die litteratur über volkstümliche liebeslyrik vor dem 
deutschen minnesang s. i. — Zeugnisse s. 3. — 
R. M. Meyer's formelsammlungen s. 4. — die deutschen 
Strophen der Cannina Burana s. 6. — die Kürenberger- 
strophen s. 9. — älteste lieder des minnesanges s. 11. 

— das zeitmass französischer einflüsse s. 12. — höfische 
lyrik und epik s. 13. — die objektiven gattungen s. 14. 

2. Die litteratur über den Ursprung der romanischen lyrik 
s. 15. — grössere ergiebigkeit der Überlieferung s. 16. 

— die cdten objektiven gattungen s. 16. — refrain s. 17. 

— deutsche refrains s. 18. — das tagelied s. 19. — der 
dihat s. 21. — die pastoureUe s. 21. — ihr verhältniss 
zur deutschen lyrik s. 23. 

3. Nachgewiesene bezüge zwischen romanischer und deut- 
scher lyrik s. 25. — mögliche wege des romanischen 
einflusses s. 26. — stellimg Friaul's s. 27. — die histo- 
rische entwickelung von Friaul s. 28, — die Umgangs- 
sprache dort s. 30. — beziehungen zwischen Friaul und 
den deutschen Alpenländern s. 31. — die deutsche adels- 
gesellschaft des landes s. 33. — Vermittlung zwischen 
Provence-Italien- Deutschland s. 33. — Thomasin von 
Circlaria s. 34. 

4. Das geschlecht der Cerchiari s. 35. — Verwendung der 
bibel im Welschen gast s. 36. — canonicus zu Aquileja 
s. 37. — die antike bei Thomasin s. 38. — weltliches 
wissen s. 39. — hauptquellen des Welschen gastes s. 39. 

— die Philosophia moralis des Wilhelm von Conches 



VIII 



s. 40. — der Anticlaudianus des Alanus ab Insulis s. 42. 

— die Philosophia mundi des Wilhelm von Conches s. 45. 

— des Joannes Sarisberiensis De Septem septenis s. 46. — 
der Polycraticus s. 46. — das gespräch mit der feder 
s. 47. — geistlicher stand des autors s. 48. 

5. Der Welsche gast gibt aristokratische Standespoesie s. 49. 

— seine ansieht über die ketzer s. 50. — adeliger Stand- 
punkt s. 53. — historische anspielungen im W. g. s. 56. 

— Friauler landschaft s. 58. — jugend und Studien s. 58. 

— politisches s. 59. — lektüre s. 61. — polemik gegen 
Hartmann von Aue s. 62. — verhältniss zu Walther von 
der Vogelweide s. 63. — die stellen übersetzt, erklärt 
und auf Walther bezogen s. 64. — nachlese s. 69. — 
der klösencere s. 71. — andere deutsche dichtungen 
s. 72. — der Welsche gast will deutsche leser s. 73. — 
sein erfolg s. 74, — Thomasins spräche s. 74. — ein 
älteres gedieht von ihm s. 76. — seine kenntniss des 
minnewesens s. 76. — er war zum vermittler romanischer 
einflüsse geeignet s. 77. 

6. Innerösterreich im 12. und 13. jh. s. 78. — die adels- 
herrschaft in Steiermark s. 79. — rasches aufstreben 
des rittertums dort s. 80. — höfische epik und Wirk- 
lichkeit s. 82. — höfische dichter in Steiermark s. 85. 

— Zeugnisse für die frühe pflege höfischer poesie s. 86. 

— Ulrich von Liechtenstein s. 87. — seine erziehung 
s. 87. — seine kenntniss des italienischen s. 88. — 
die Venusfahrt s. 88. — ihr ausgangspunkt s. 89. — 

^ Ulrich bezeugt den verkehr mit Italien s. 90. 

7« Bodmers hinweis auf den romanischen minnesang s. 92. 

— unterschiede zwischen romanischer und deutscher 
lyrik s. 93. — der canon von MSF. s. 94. — frauen- 
huldigung und lehenswesen bei den Deutschen s. 95 

— die ministerialen und ihre bedeutung in Deutschland 
s. 96. — alter des höfischen minnesanges s. 98. — 
die ministerialen als minnesänger s. 99. — ob frauen 



IX 



oder mädchen von ihnen verherrlicht wurden s. 99. — 
die verheiratete frau in der romanischen lyrik s. loi. — 
über frauenstrophen s. 103. — ihre echtheit s. 105. — 
nicht zureichend beglaubigt s. 107. — selbständige motive 
deutscher lyrik s. 108. — ansieht Jeanroy's s. 109. — ab- 
hängigkeit von romanischen motiven s. iio — verschwin- 
den lokader unterschiede s. iii. — kultur Frankreichs 
und Deutschlands s. ill. 

8. Musik des minnesanges s. 112. — art des Vortrages 
s. 113. — begleitung s. 114. — einstimmiger oder mehr- 
stimmiger gesang s. 115. — einfluss der kirchlichen 
musik (motette) s. 116. — erfindung von melodien s. 1 17. 
— eigentum daran s. 118. — unterschiede der melodien 
s. 119. — der biographische gehalt des minnesanges 
s. 120. — ansichten darüber s. 121. — irrealität des in- 
haltes s. 123. — hauptgründe dafür, sie anzunehmen 
s. 123. — die mundart im minnesang s. 125. — einschrän- 
kungen s. 127. — lied und spruch s. 127. — abschluss 
s. 128. 



I. 



Die folgenden betrachtungen beginne ich mit 
der viel behandelten Streitfrage, ob dem höfischen 
minnesange in Deutschland eine volkstümliche liebes- 
lyrik voraufgegangen sei oder nicht, bekanntlich hat 
Scherer eine solche volksmässige tradition von liebes- 
poesie angenommen, ihren bestand von den ältesten 
Zeiten her aus der vergleichung einfachster liebes- 
dichtung bei den entlegensten kulturvölkem und den 
unserer beobachtung zugänglichen naturvölkem er- 
schlossen imd die spärlichen Zeugnisse durch die 
Jahrhunderte des mittelalters hin dafür verwertet, 
andererseits hat Wilmanns in seinem Buche »Leben 
und dichten Walthers v. d. Vogelweide« (Bonn 1882) 
die existenz einer weitverbreiteten liebeslyrik in Deutsch- 
land vor dem minnesange in abrede gestellt, darauf 
entgegnete (ich nenne hier nur die wichtigsten arbeiten) 
zunächst Burdach in dem aufsatze »Das volkstüm- 
liche deutsche liebeslied« (Zs. f. d. a. 27, 343 — 367). ihm 
stellte sich R, M. Meyer zur seite, der »Alte deutsche 
.volksliedchen« (Zs.f.d.a. 29, 121— 236) tatsächlich nach- 
zuweisen unternahm. E. Th. Walter bestritt in seiner 

1 



— 2 — 

abhandlung »Über den Ursprung des höfischen minne- 
sanges und sein verhältniss zur Volksdichtung« 
(Germania 34, I — 74. 141 — 156) dierichtigkeitsowol 
der methode als der ergebnisse Meyers, mit der 
ungeschickten polemik hatte der angegriffene leichtes 
spiel, der Zs. f. d. a. 34, 146 — 161 »Volksgesang und 
ritterdichtung« erwiderte, beinahe gleichzeitig mit 
Meyer hatte Arnold Berger seinen aufsatz »Die volks- 
tümlichen grundlagen des minnesanges« (Zs. f. d. phil. 
19, 440 — 486) ausgearbeitet, der am weitesten geht 
in der annähme der Selbständigkeit der altdeutschen 
liebeslyrik. dagegen bedeutete die abhandlung von 
K. Marold Ȇber die poetische Verwertung der natur 
und ihrer erscheinungen in den vagantenliedem und 
im deutschen minnesang« (Zs. f.d. phil. 23, i — 26) eine 
art beschränkender reaktion, die sich noch viel be- 
stimmter in der Studie von Oskar Streicher aussprach 
»Zur entwicklung der mhd. lyrikc (Zs. f. d. phil. 24, 
166 — 201). sehe ich von specialarbeiten über einzelne 
punkte des problemes (verhältniss des minnesanges 
zur Vagantenpoesie vonWallensköld, Schreiber; Küren- 
berger von Joseph), sowie von den erwähnungen in 
allgemeinen darstellungen der altdeutschen litteratur 
ab, so ist seit 1892 keine besondere Studie mehr 
über dieses thema von deutschen forschem veröffent- 
licht worden, ich fasse nunmehr zusammen, was mir 
als brauchbares resultat der zuweilen ziemlich heftig 
geführten discussion zu erübrigen scheint. 

Theoretisch kann die existenz von deutschen 
liebesliedem während der Jahrhunderte vor dem 



— 3 — 

minnesang nicht bezweifelt werden, aber darum han- 
delt es sich gar nicht, auch Wilmanns hat sie niemals 
geläugnet. es fragt sich, ob eine volkstümliche liebes- 
l)rrik in jenen älteren zeitläuften anzunehmen ist; 
vgl. die begrifFsbestimmungen bei Burdach s. 344 fF. 
und wenn man darunter eine bewusste, durch tradition 
verknüpfte, gelernte kunstübung versteht, welche 
nicht mehr als eine der aufzeichnung selbstverständlich 
entzogene Improvisation gelten, sondern die teilnähme 
einer hörerschaft erwecken will, dann wird die ant- 
wort viel weniger sicher, der einstige bestand einer 
solchen deutschen liebesl3rrik lässt sich vielleicht ver- 
muten, aber nicht erweisen, weil es uns an denk- 
mälern gebricht und alles älteste, was wir besitzen, 
schon aus einer zeit stammt, die mit den durch 
daten festlegbaren anfangen des minnesanges zu- 
sammenfällt. 

Die wolbekannten und vielerörterten zeugniss- 
stellen beweisen nichts für eine solche lyrik, sie sind 
zu spärlich und verstreut, allerdings glaube ich, dass 
sie wol noch vermehrt werden könnten, wir besitzen 
nämlich bis zur stunde noch keine arbeit, die Jacob 
Grimms im interesse der mythologie begonnenen 
forschungen aufnähme und die litteratur der concil- 
canones und s)niodalstatuten sorgfältig auf das verhält- 
niss der kirche zu den imterhaltungen des volkes hin 
durchgienge. das müsste freilich mit scharfer und 
besonnener kritik unternommen werden, damit es 
unterbliebe, was jetzt noch geschieht, dass spanische 
Verordnungen des 7. jhs., die sich durch transsumpte 

1* 



— 4 — 

fortgepflanzt haben, als Zeugnisse für den stand der 
deutschen kultur des 12. jhs. Verwertung finden. 

R. M. Meyers Sammlungen waren dazu bestimmt, 
die dürftigkeit der historischen belege für eine alte 
deutsche liebeslyrik zu ergänzen, imd zwar nach 
zwei richtungen. einmal sollte aus der fülle der dem 
Wortlaute nach ganz oder teilweise übereinstimmen- 
der verse, die Meyer aus der besten zeit des minne- 
sanges zusammengebracht hatte, auf gemeinsamen 
Ursprung in der volksl)n'ik (s. 165) und weiter auf 
den reichtum eines stark verbreiteten alten formel- 
apparates geschlossen werden. Meyer bediente sich 
dabei der methode der sprachvergleichimg, die aus 
den Wortvarianten bei verschiedenen Völkern gemein- 
same alte wurzeln reconstruiert. wenn aber schon 
diese linguistische arbeitsweise durchaus nicht völlig 
einwand- und ausnahmefrei ist, so wird ihre einfache 
Übertragung auf litterarhistorische probleme noch 
mehr bedenklich, denn es gibt gar verschiedene 
möglichkeiten, die von Meyer in mühevoller arbeit 
aufgebrachten Übereinstimmungen zu erklären, sind 
doch die stellen imd gruppen an sich von sehr ver- 

• 

schiedenem werte: viel imbedeutendes, das durch 
seine allgemeinheit dem gewöhnlichen Sprachgebrauch 
angehört, ist mit untergelaufen, wenn aber wirklich 
eine poetische spräche vor dem minnesange durch 
diese Vorräte formelhafter Wendungen erwiesen werden 
soll, muss dann nicht beachtet werden, dass es doch 
im II. imd 12. jh. schon eine lebhaft entwickelte 
epische und religiöse poesie gegeben hat? EnUl 



— 5 — 

Kettner hat in seinem buche >Die österreichische 
Nibelungendichtung« (i8q7), im ersten abschnitte, 
versucht, die berührungen zwischen dem formelapparate 
des volkstümlichen und des höfischen epos und des 
minnesanges nachzuweisen, allerdings nicht über- 
zeugend (vgl. Ost. Littbl. 1897, s. 425 fl)^ aber doch 
an sich mit gutem rechte, und wenn man einer er- 
schöpfenden Sammlung innerhalb dieser poetischen 
gattungen noch den zum teil schon ermittelten formel- 
apparat der geistlichen poesie hinzufügte, dann würden 
sich Meyers materialien, denke ich, in ganz anderem 
lichte und zusammenhange darstellen, ich glaube, es 
wird sich dann zeigen, dass sie höchstens und teil- 
weise Schlüsse auf die poetische spräche der zeit 
überhaupt verstatten, keineswegs jedoch auf die spräche 
einer volkstümlichen lyrik insbesondere, und endlich: 
ein guter teil der Meyer'schen formelvergleiche beweist 
nur, was ja gewiss nützlich ist, für eine tradition der 
Sprache innerhalb der älteren Vertreter des kunst- 
mässigen minnesanges, unter denen in der tat einige 
von den anderen gelernt hatten, auf eine solche 
genealogie der kunst muss daher beschränkt werden, 
was Streicher (s. 168) viel zu weit fasst, der die von 
Meyer belegte Übereinstimmung zwischen den formein 
durchweg für beabsichtigt, erstrebt und füreinkenn- 
zeichen der höfischen lyrik ansieht. 

Nun ist man ja bei diesen rückschlüssen aus der 
formelsprache des älteren minnesanges nicht stehen 
geblieben, sondern hat darnach gestrebt, reste der 
volkstümlichen liebeslyrik selbst in der vorhandenen 



— 6 — 

Überlieferung auszufinden. dabei spielen die deutschen 
Strophen der Carmina Burana die wichtigste rolle, 
seit Martin die frage nach ihrem verhältniss zu den 
umgebenden lateinischen Strophen und zur vaganten- 
poesie überhaupt angebrochen hat (Zs. f. d. a. 20, 46—69), 
ist darüber eine ausgebreitete litteratur erwachsen, 
die ich hier nicht durch weitläuftige auslassungen ver- 
mehren will, die entscheidung, ob man die der 
Benedictbeurer hs. eingestreuten deutschen Strophen 
zum teil der volkslyrik vor dem minnesange zurech- 
nen darf, hängt ausser von ihrer spräche und technik 
selbst, sowie von ihren bezügen zur goliarden- 
lyrik, noch von einigen anderen umständen ab. 
und da möchte ich mir zunächst die frage gestatten, 
ob man denn nicht das alter dieser Überlieferung im 
allgemeinen zu hoch anschlägt? auf grund einer an- 
zahl unzweifelhaft dem 12. jh. angehöriger stücke — 
manche stammen aus einem frühen abschnitt dieses 
Zeitraumes, manche sind vielleicht und wahrscheinlich 
noch älter — scheint man mir allzusehr geneigt, auch 
das namenlose deutsche strophengut des codex schlecht- 
weg dem 12. jh. und zwar, wenn ich recht bin, vor- 
nehmlich dem dritten viertel zuzuweisen, ich halte 
das nicht für unbedenklich, die hs. stammt aus dem 
13., zum teil aus dem 14. jh. ihrer ganzen anläge 
nach ist sie entstanden, um einem gebildeten fahren- 
den als textbuch für seine vortrage oder Studien zu 
dienen: damit allein ist meines erachtens schon ge- 
sagt, dass man die entstehung der deutschen stücke 
nicht allzuweit von der entstehung des codex wird 



abrücken dürfen; wir wissen, wie rasch sich im 
13. jh. der poetische geschmack verändert hat (man 
denke an die klage des alten im Meier Helmbrecht 
und an viele klagen der epiker mid lyriker), mid 
dürfen annehmen, dass der mann, welcher diese bunte 
Sammlung für seinen gebrauch herstellte, nur auf- 
genommen hat, was sich bei seinem publicum noch 
als einträglich erwies, keinesfalls dürfen wir ihm 
litterarhistorische oder antiquarische interessen zu- 
trauen, in der tat reicht das repertorium der datier- 
baren namen ziemlich weit herauf: Dietmar von Eist, 
Morungen und Reinmar, Walther und Neidhart, Otto 
von Botenlauben, Freidank, das Eggenlied, aus allen 
diesen haben sich brocken in die hs. verloren. Wer 
gibt uns das recht, die anonymen deutschen Strophen, 
welche neben und zwischen denen stehen, deren 
autorschaft beglaubigt ist, als durchweg um etliche 
Jahrzehnte älter anzusprechen? ist einfachheit des 
Versbaues und der reimstellung allein schon ein aus- 
reichendes merkmal höheren alters? man denke an 
die simplicität auch des späteren Volksliedes, und 
unter den Schnadahüpfeln unserer Alpen sind die ein- 
fachsten, naivsten und desshalb am meisten verbreiteten 
von Kobell, Castelli, Seidl und Stelzhammer verfasst ; 
komischer weise gerade die, welche von unseren philo- 
logen nach Firmenichs Völkerstimmen und anderen 
Sammelwerken als altheimische volksl)n'ik unseres 
Zeitalters angeführt werden, nebenbei : wie die alpinen 
Vierzeiler aussehen, die in unseren tagen lebendig 
wachsen und aus improvisationen immer wider ans 



— 8 — 

licht steigen, das mag man mit grauen aus den 
KpvircocSia lernen, wo Gustav Meyer nach den mit- 
teilungen des eifrigen Sammlers Dr. Werle einen 
ziemlichen häufen hat drucken lassen. — femer : 
sehen wir von den objektiven gattungen ab, wie die 
Franzosen das nennen, und die ich vorläufig von der 
besprechung ausschliesse, so erübrigt nicht vieles aus 
den deutschen Strophen der Carmina Burana. unter 
dem reste jedoch befinden sich, wie Walter (s. 151), 
Marold (s. 26), Streicher (s. 186 ff.) mit recht her- 
vorgehoben haben, mehrere, die den begriff" des 
dienstes auf die liebe übertragen, diese müssen un- 
bedingt aus den belegen für die alte volksl3rrik ge- 
strichen werden, was dann noch erübrigt, das möchte 
wenigstens ich nicht für eine gesicherte grundlage 
einer volkstümlichen liebeslyrik vor dem minnesange 
halten, eine solche zu wege zu bringen, darauf hat 
es der sammler des Carmina Burana auch gar nicht 
abgesehen gehabt, denn er hat stücke provenzalischen 
und französischen Ursprunges, die also für sich schon 
als Zeugnisse romanischen einfiusses gelten müssen, 
ohne sorge seinem repertorium einverleibt, ich will 
nach dem gesagten durchaus nicht behaupten, dass 
die Benedictbeurer hs. keine einzige Strophe alter 
volkslyrik enthalte, aber als ausreichendes zeugniss 
für den bestand einer üppig entwickelten gattung von 
volkspoesie darf ich sie nicht gelten lassen. 

Damit ist freilich noch nicht viel geschehen, 
denn nicht diese hs. allein bietet gemäss der ansieht 
einzelner forscher proben altvolkstümlicher liebesdich- 



— 9 — 

tung dar, die frühesten minnesänger selbst schliessen 
sich ihr so eng an, dass ihre Ueder beinahe noch 
dazu gerechnet werden müssen, natürlich kommen 
da zuvörderst die Strophen unter dem namen des 
Kürenbergers in betracht, die ja gleichfalls bereits den 
Stoff für einen abschnitt der geschichte der deutschen 
Philologie geliefert haben, aus dieser fülle hebe ich 
nur die feinen und eindringlichen Überlegungen von 
Burdach heraus (s. 355 ff.), die den Kürenberger als 
einen beweiskräftigen zeugen für die alte liebeslyrik 
aufrufen, auch Meyer stellt (s. 122. 127) diese Strophen 
ganz nahe zur volkspoesie, obzwar er die grenze zur 
kunstlyrik hin ziemlich offen lässt. und das scheint 
noch eine weitverbreitete meinung zu sein, da doch 
sogar Streicher (s. 183) die Kürenbergerstrophen als 
dokument eines besonderen älteren minnesanges an- 
sieht, der von dem jüngeren sich in unvereinbarer 
Verschiedenheit absondere, wie weit Scherer die rück- 
wirkung des ältesten minnesanges auf das Volkslied 
(nach Roethe's angäbe in seiner vortrefflichen recen- 
sion von de Gruyters Tagelied in Anz. f. d. a. 16, 75 f.) 
hat eintreten lassen, weiss ich nicht ; Roethe schliesst 
sich der annähme an. ich halte die Strophen des 
Kürenbergers für herrenpoesie ; nicht für volkslyrik, 
sondern für höfischen minnesang, und wenn ich noch 
daran zweifelte, so hätte mich der erste abschnitt der 
Schrift von Eugen Joseph »Die frühzeit des deutschen 
minnesanges I« (1896, vgl. Ost. Littbl. 1896, s. 655 ff.) 
darüber beruhigt, der den nachweis erbracht hat, 
dass die frauen- und männerstrophen der Überlieferung 



— lO — 

correspondieren. das scheint sich mir mit der Vermu- 
tung volkstümlichen Ursprunges oder auch nur volks- 
tümlichen Charakters ebensowenig zu vereinen, wie 
die Vorstellung der minne als dienst, welche diese Stro- 
phen voraussetzen. 

Kann aber der Kürenberger nicht mehr als kron- 
zeuge für die alte volkslyrik zugelassen werden, wen 
darf man dafür noch anrufen? es wird demgemäss 
niemand verwundem, wenn ich schon die ältesten 
stücke unserer aufzeichnungen für ritterliche liebes- 
poesie, für angehörige einer litterarischen gattung halte, 
und besonders sämmtliche lieder und Strophen, die 
durch unsere Überlieferung mit autornamen ausge- 
stattet werden, als höfische l)n'ik ansehe, ich kann 
also die annähme einer volkstümlichen liebeslyrik nur 
in dem ganz engen sinne aufrecht erhalten, den Wil- 
manns ihr in seiner jüngsten äusserung darüber 
(Anz. f. d. a. 24, 161 f.) zuspricht : ein alter volksgesang 
war vorhanden, er ist aber höchstens aus dem reflex 
der kunstdichtung und aus jüngeren Schöpfungen zu 
erschliessen, unmittelbare Zeugnisse für seine vermu- 
tete reiche entfaltung sind bisher nicht erbracht wor- 
den, und so bleibt es der phantasie des einzelnen 
forschers überlassen, welche bedeutung für die litte- 
ratur des minnesanges er ihm beimessen will. 

Aber diese litteratur selbst, fordert nicht die Plötz- 
lichkeit ihres auftretens, ihrer Verbreitung durchaus 
die Voraussetzung einer blühenden volkslyrik? dieses 
argument hat Burdach mit nachdruck (s. 352 f.) aus- 
gesprochen, auch Berger hält es (s. 442) für sehr 



.1 



'^^ 



— II — 

wichtig und, irre ich nicht, so hat es auch Wil- 
mans' oben erwähnte abkehr von seinen früheren 
ansichten mit bestimmt, wie verhält es sich mit 
dieser Plötzlichkeit der entstehung des höfischen 
minnesanges ? genau zugesehen, wissen wir eigentlich 
recht wenig davon, unsere mittel, den Vorgang fest- 
zustellen, sind ganz unzuverlässig und unzulänglich, 
vor allem sind wir gar nicht in der läge, den Zeit- 
punkt des beginnes der bewegung genauer zu bestim- 
men, der minnesang ist eine kunst der ritterlichen 
gesellschaft, und da hat es an sich wenig Wahrschein- 
lichkeit, dass er längere zeit hindurch nach romani- 
schen Vorbildern werde von namenlosen fahrenden 
geübt worden sein, bevor er zu den vornehmen 
kreisen gelangte, durch einen merkwürdigen zufall 
ist die früheste, für ims ungefähr datierbare Strophe 
der namenlosen lyrik (MSF. 3, 7) zugleich auch die, 
in welcher die königliche frau gepriesen wird, die 
mehr als alle anderen durch ihre persönliche teil- 
nähme für die Schätzung imd ausbreitung der pro- 
venzalischen und französischen hoflyrik gewirkt hat. 
durch ihre Schönheit und liebenswürdigkeit berühmte 
fürstliche damen hat es um jene zeit manche gege- 
ben; wer seine sehnsüchtigen wünsche zu Elianor 
von Poitou erhob, der wusste, dass diese königin auch 
die mächtigste förderin der poesie und aller frohen 
künste war. ich sehe daher diese Strophe, deren ent- 
stehung man allgemein um 1 160 ansetzt, als ein indirek- 
tes zeugniss auch für die einwirkung der romanischen 
poesie auf die deutschen höfe an ; es ist dabei gleich- 



— 12 — 

giltig, ob man sie für die nachbildung eines franzö- 
sischen spielmannsverses hält oder nicht, die zeit der 
ersten ausbreitung des einflusses der fremden lyrik 
wird man somit ungefähr (im besten falle) durch die 
jähre 1160 — 1180, 1190 eingrenzen dürfen; ist das 
plötzlich? welchen anhält haben wir, um das Zeit- 
maß zu begrenzen, dessen ein französischer modege- 
schmack bedarf, damit er in Deutschland allgemein 
anerkannte geltrmg gewinne? ganz gewiss ist nur 
eines: die höfische epik der Franzosen hat just so 
lange gebraucht wie die höfische lyrik, um bei den 
Deutschen durchzudringen, denn es ist vom Trierer 
Floyris bis zu Hartmann nicht weiter, als von jener 
Strophe bis zu Reinmar und zu Walthers anfangen, 
zwei gleichstrebende erscheinungen sind somit hier 
in denselben Zeitabschnitt eingeschlossen, dreissig 
jähre, sagt mir herr von Siegenfeld, braucht eine 
französische erfindung des mittelalters im wafFenwesen, 
in der heraldik u. s. w., bis sie in Deutschland voll- 
kommen modern geworden ist. muss man das für 
viel oder wenig halten? die litterarischen phänomene 
der neuzeit gewähren, wie ich aus eingehenden ge- 
sprächen mit SeufFert entnehme, dafür keinen rechten 
massstab, weil die bedingungen der allgemeinen kuL 
tur sich nachmals geändert haben; überdiess ist es 
auch bis jetzt noch nicht gelungen, für das aufkom- 
men litterarischer moden im 17. und 18. jh. sichere 
Jahreszahlen als grenzwerte aufzustellen. 

Aber gleichviel, auch zugestanden, dass die be- 
wegung, welche zum vollen entfalten des minnesan- 



— 13 — 

ges gediehen ist, nicht gerade besonders rasch oder 
plötzlich genannt werden dürfe, bleibt dann darum 
doch nicht das argument Burdachs in kraft, der meint, 
dass zur erklärung des phänomens durchaus der vor- 
herige bestand einer ausgebreiteten volksl)n'ik voraus- 
gesetzt werden müsse? und der vergleich mit der 
höfischen epik, der doch nach imseren annahmen 
ein eifrig gepflegter epischer volksgesang, nicht min- 
der eine erzählungspoesie der geistlichen imd der 
spielleute vorangegangen ist, erhärtet er nicht das 
recht dieser forderung? das x des zweiten Verhält- 
nisses, muss es nicht in der proportion gemäss diesem 
bekannten factor des ersten berechnet werden? darauf 
muss ich zunächst erwidern, dass natürlich auch ich 
eine tradition volkstümlicher liebeslyrik vor dem 
minnesange zugestehe, und dabei vorläufig noch gar 
nicht die neuesten Untersuchungen heranziehe, welche 
auf Scherers und Ten Brinks anregungen hin den 
unterschied zwischen volks- und kunstpoesie in den 
von mündlich und schriftlich verbreiteter dichtung 
umsetzen, dem entsprechend dann neue kriterien des 
Stiles und der technik für die beiden gruppen auszu- 
mitteln streben, nur über die stärke dieser alten volks- 
lyrik werde ich wahrscheinlich eine (relativ) andere 
Vorstellung hegen als meine Vorgänger« schon oben 
s. 4 f. habe ich auf eine mögliche quelle der poeti- 
schen spräche des minnesanges hingewiesen; eine 
zweite liegt in der spräche der romanischen vorbildet 
selbst, eine dritte in den älteren volksmässigen >objek- 
tiven« gattungen. denn diese gebe ich, wie schon früher 



— 14 — 

angedeutet wurde, unbedingt zu und glaube, dass sie 
vor dem minnesange bereits bestanden haben, für sie 
sprechen die wenigen Zeugnisse mittelalterlicher fest- 
bräuche. freilich müssen diese erst sorgsam und um- 
fassend studiert werden: Bielschowsky's anfange (Gesch. 
d. d. dorfpoesie L 1891) sind vorsichtig (DLZ. 1891 
s. 1454 ff.) fortzusetzen, vgl. Berger s. 449 ff. zu 
ihnen gehört eine ganze anzahl der Strophen der 
Carmina Burana, liedchen zum tanz, begegnungen, 
liebesstreit und dgl. (mit ausschluss jedoch der Stro- 
phen aus lateinischen und deutschen versen, die ein 
sehr gebildetes publicum verlangen), auf ihnen be- 
ruhen die tagelieder und die dramatisch angelegten 
gedichte Walthers, sie bilden den heimischen grund- 
stock für die volksmässigen stücke bei Neifen und 
für die merkwürdige taglieddichtung Günthers von 
dem Forste, eine dieser gattungen, das episch-lyrische 
tanzlied, wird aber auch ganz unmittelbar bezeugt 
durch Edward Schröders glänzende abhandlung »Die 
tänzer von Kölbigk« in der Zeitsch. f. kirchengesch, 
17, 127. 151 ff. (1896), der dieses stück aus der 
mitte des ii.jhs. für die deutsche Überlieferung ret- 
tete, das Gaston Paris Qoumal des savants 1892, s. 
410 anm. 6, dann 413) für die französische hatte in 
anspruch nehmen wollen, nun wird es allerdings 
noch besonders und genau geprüft werden müssen, 
inwiefeme die frühesten in den minnesang einbezo- 
genen stücke dieser art schon den einiluss der neuen 
romanischen kunst erfahren haben. — 



15 — 



2. 



Und damit komme ich auf die arbeiten zu sprechen, 
welche französische und deutsche forscher während des 
letzten Jahrzehnts dem Ursprünge der romanischen 
minnelyrik gewidmet haben, ich nenne darunter, in- 
dem ich von kleineren aufsätzen in den fachzeit- 
schriften einstweilen absehe, insbesondere das große 
buch von Alfred Jeanroy ^ >Les origines de la po^sie 
lyrique en France« (Paris, Hachette 1889), ein werk, 
das wol wegen seiner ungeschickten composition und 
schwerfallig verwickelten darstellung, aber doch mit 
unrecht in Frankreich und Deutschland zu wenig be- 
nutzt wurde, daran schliessen sich die aufsätze von 
Gaston Paris im Journal des savants, 1891, s. 674 — 
688. 729 — 742. 1892, s. 155 — 167. 407 — 429 (kritik 
des buches von Jeanroy, unter dessen titel dann 
auch besonders gedruckt). Jeanroy hat ferner den 
gegenständ nochmals übersichtlich bearbeitet, indem 
er dabei die nachweise von Gaston Paris benutzte, 
und zwar in der unter leitung von Petit de Julleville 
herausgegebenen Histoire de la langue et de la litt6- 
rature fran9aise i, 344 — 390 (Paris, Colin 1896), 
wozu dann noch der aufsatz von Antonio Restori in 
Parma kommt »Note sur la musique des chansons«, 
ebenda s. 390—403. ferner die betreffenden ab- 
schnitte in Gröbers Grundriss der romanischen philo- 



— i6 — 

logie: II, I (1898, Geschichte der französischen litte- 
raturvon Gröber)'^ II, 2 (1897, bezw. 1893, Geschichte 
der provenzalischen litteratur von SHmtning), die be- 
nutzung der älteren werke von Diez, Bartsch, Wolf, 
Wackemagel u. s. w. versteht sich von selbst. 

Der allgemeine eindruck, den ich aus dem Studium 
dieser schritten erhalte, geht zuvörderst dahin, dass 
nicht bloss die überliefenmg des provenzalischen und 
französischen minnesanges viel ergiebiger ist als die 
des deutschen, sondern dass auch die voraufgehende 
entwicklung der volkslyrik imgleich reichlicher dort 
bezeugt ist als bei uns. das lehrt schon die kleine 
Sammlung, welche Gröber 1893 >2ur Volkskunde aus 
concilbeschlüssenundcapitularien« hat drucken lassen, 
besonders ss. 55 — 67. Gaston Paris knüpft die frühlings- 
lieder imd -tanze an uralte maifeste (1892 s. 414 ff.), 
was dann allgemeine Zustimmung gefunden hat(Jeanroy- 
JuUev. s. 362 fF. Gröber s. 665). auf sie kann über- 
haupt der urspnmg der »objektiven gattimgen« zurück- 
geführt werden, zu diesen rechnet Jeanroy und be- 
handelt jede einzeln ausführlich : die pastourelle, das 
Streitgedicht (le d6bat), das tagelied, das dramatische 
lied (Gaston Paris: chansons ä personnagesy Gröber 
zieht das altüberlieferte sons (Tamour vor s. 669 f. ; 
vgl. Jeanroy-Jullev. s. 356 ff.), alle forscher stimmen 
darin überein, dass bei der entwicklung dieser gattungen 

• 

zwei hauptabschnitte zu unterscheiden seien : innerhalb 
des ersten trügen sie noch durchaus volkstümlichen 
Charakter und diese eigenschaft fiele zusammen mit 
ihrer ältest nachweisbaren pflege in der »r^gion inter- 



— 17 — 

mddiaire de la France: le Poitou, la Marche, le Li- 
mousin« (insbesondere Limousin: Gaston Paris 1891 
s. 741 ; 1892 s. 462 und La po6sie du moyen äge 2, 
13 ff. Jeanroy-JuUev. s. 367 ff. Gröber s. 664). von 
dort seien sie sowol nach der Provence als nach dem 
nördlichen Frankreich, und zwar in wechselseitigem 
austausch, gelangt, dabei jedoch schon in den bann- 
kreis der höfischen poesie getreten und gemäss den 
anschauungen der ritterlichen aristokratie umgebildet 
worden; der hauptanteil an diesem wandel gebühre 
den Provenzalen. nun reichen die romanischen denk- 
mäler nicht bloss hin, dieses Wachstum und den darin 
gegen die mitte des 12. jh. vollzogenen Umschlag des 
tones zu bezeugen, sondern es lassen sich für den 
älteren stand dieser gattungen (überdiess noch spuren 
subjektiver lyrik) Zeugnisse mittelbar gewinnen, nämlich 
aus den refrains der späteren dichtung, die Jeanroy in 
einem hauptabschnitte seines werkes (s. loi — 126) 
ausscheidet und behandelt, es zeigt sich, dass die 
verse dieser refrains durchweg aus älteren beliebten 
liedem entnommen wurden, die grossenteils volksmässig 
sind, aber zum teile wol auch schon der höfischen 
periode angehören, das material gestattet sogar, 
Stückchen solcher älterer lyrik noch aus den refrains 
zusammenzusetzen. (Gaston Paris 1892 s. 407 ff. 
Jeanroy-Jullev. s. 361 ff. Gröber s. 661). es ist somit 
•möglich, aus der Überlieferung der provenzalischen 
und französischen lyrik ein bild von der volkstüm- 
lichen liebespoesie dieser objektiven gattungen zu 
entwerfen und zugleich das eindringen der höfischen 

2 



— i8 — 

und subjektiven Stimmung, sowie deren umgestaltenden 
einfluss zu beobachten. 

Vergleichen wir mit diesen ergebnissen die Schlüsse, 
welche aus dem deutschen material gezogen werden 
dürfen, so zeigt sich bald, wie kümmerlich wir daran 
sind, wir können die existenz der objektiven gattungen 
vor unserem minnesang teils beweisen, teils vermuten 
(vgl. oben s. 13 f.). aber stofF und Zeugnisse sind zu 
dürftig, als dass wir eine entwicklung wahrzunehmen, 
ja nur diese ältere volksmässige lynk mit dem minne- 
sang ordentlich zu vergleichen vermöchten, das me- 
thodische mittel, verse alter dichtungen als refraine 
späterer lieder nachzuweisen, können wir nicht an- 
wenden, weil wir solche refrains in jener zeit gar 
nicht haben, zwar meint Roethe (Anz. f. d. a. 16, 91), 
der refrain sei deutsch ebenso volkstümlich gewesen 
wie romanisch ; tatsache jedoch scheint mir, dass wir 
innerhalb des Zeitraumes, auf den es hier ankommt, 
im refrain deutscher lieder nur nachahmungen melo- 
discher phrasen, zumeist der tongebung von bauem- 
instrumenten, besitzen — falle wie das manda liet der 
Carmina Burana und etliche andere sind ungemein spär- 
lich, übrigens ist zu bemerken, dass wir eine zusammen- 
hängende Untersuchung des altdeutschen refrains noch 
nicht besitzen, am meisten hat R. M. Meyer gear- 
beitet (vgl. seine bücher : Grundlagen des mhd. strophen- 
baues s. 68 f. 103. 108 etc. Die altgermanische poesie 
nach ihren formelhaften elementen beschrieben s. 340 ff. 
und jüngst über den nhd. refrain Euphorion 5, i ff.), 
es wird unter diesen umständen ausserordentlich 



— 19 — 

schwierig, die frage zu beantworten, ob unsere alt- 
deutsche » objektive« l3rrik in der zeit unmittelbar vor dem 
minnesang die einwirkung der entsprechenden roma- 
nischen poesie bereits erfahren habe oder nicht, denn 
wir sind doch zumeist darauf angewiesen, aus den 
»verritterten« stücken auf ihre Vorläufer zurückzu- 
tschliessen. 

Wenn ich daher im folgenden einige allgemeine 
behauptungen darüber aufstelle, so bin ich mir ihrer 
Unsicherheit vollauf bewusst : sie geben nur die eindrücke 
wider, welche erneute lektüre mir hervorgebracht hat, 
und ich wünsche, dass sie baldigst durch präcisere 
möchten ersetzt werden, — Über den Ursprung 
des tageliedes sind sehr verschiedene meinungen ge- 
äussert worden. Scherer Hess es sich aus einem volks- 
tümlichen morgenliede des Wächters entwickeln (Meyer 
s, 234) ; als bodenständig deutsch sah es Berger an 
{s. 442); de Gruyter in seiner monographie (1887) 
nahm volkstümlichen Ursprung an und lehnte fremde 
einfiüsse ab (s. i f.), das stück bei Dietmar von Eist 
(MSF. 39, 18) hielt er für einheimisch echt, später 
erst seien romanische einwirkungen wahrzunehmen. 
Jeanroy suchte in seiner abhandlung (61 ff.) den Ur- 
sprung in alten romanischen wächterliedern (s. 67. 72if.) 
zog alte kirchliche hymnen und liturgische gesänge 
heran (s. 74 f.) und erklärte den monolog der frau 
für den ausgangspunkt der späteren entwicklung (s. 65). 
darin stimmte ihm Gaston Paris völlig bei (1892 s. 
162. Jeanroy-Jullev. 354 if.), er sieht den Wächter als 
beauftragt an (s. 165) und betont die Wichtigkeit alter 

2* 



— 20 — 

wächterrufe (s. i66 ff.), meiner ansieht nach haben 
zum Ursprünge des (lyrischen) tageliedes die ver- 
schiedenen erwähnten momente zusammengewirkt: 
ältester kirchlicher morgengesang, mit der liturgischen 
Übung des Orients verknüpft, imd die weckrufe des 
römischen militärs und der bevölkerung romsmischer 
Städte, was ich aber über die frühest überlieferten 
deutschen tagelieder denke, das hat alles Roethe schon 
vorweggenommen im Anz. f. d. a. i6, 86 ff. dort erklärt 
er (wie Laistner und de Gruyter) die »älteste alba« 
(J. Schmidt*s) für ein geistliches wecklied, setzt den 
geistlichen morgenruf in bezug zum tagelied (s. 87 ff.), 
spricht sich dafür aus, dass schon unsere ersten mhd. 
tagelieder unter romanischem einfluss stehen, wie denn 
der Wächter romanisch ist (de Gruyter s. 6 ff. Jeanroy 
s. 61. Roethe s. 91), den somit Wolfram nicht er- 
funden, sondern nur in die deutsche lyrik übertragen 
hat (de Gruyter s. 9 ff., Roethe s. 94 ff.), und er- 
kannte schon in dem stück bei Dietmar höfische de- 
mente (s. 93). nur seinem versuche, den einheimischen 
kern des tageliedes auszuschälen (s. 92 f.), stimme ich 
nicht bei, denn da scheint mir das meiste unsicher, 
wie die vergleichung mit den romanischen stücken 
nahe legt, und das wichtigste, die leidenschaftliche 
lialtung der frau (darüber noch später) hält Gaston 
Paris (1892, s. 167) so sehr für romanisch, 
dass er daraus die besondere liedgattung »klage der 
geliebteni sich entwickeln lässt. (vgl. jetzt zu diesem 
abschnitt Benez6, Das traummotiv in der mhd. dichtung 
bis 1250 und in alten deutschen Volksliedern 1897, 



— 21 — 

WO insbesondere versucht wird, den volkston in den meist 
späteren tageliedern zu erkennen; vgl. Ost.. Littbl. 
1898, s. 299 fF.). — Vermögen wir somit, meinem 
ermessen nach, schon beim tagelied die ältesten 
unserer deutschen stücke nicht von den bezügen auf 
romanische Überlieferung abzulösen, so ist das bei 
den übrigen gattungen ebenso der fall, so hat der 
dibat Qeanroy s. 13 ff. 95 ff.) in der mhd. lyrik 
meines erachtens zwei reihen von reflexen hervorge- 
rufen oder bestehende richtungen beeinflusst : es werden 
einmal die sogenannten »Wechsel«, die schon früh- 
zeitig auftreten, damit zusammenhängen ; weiters aber 
wird das erste büchlein Hartmanns von Aue (wie 
Jantzen annimmt, Geschichte des deutschen Streitge- 
dichtes im ma. 1896 s. 43; vgl. Ost. Littbl. 1897) 
davon abstammen, fortgesetzt hat sich diese gattung 
in Deutschland allerdings erst am ende des 13. und 
während des 14. jhs. dagegen zeigen sich beim d^bat 
Übergänge sowol zur pastourelle als zum dramatischen 
gedieht (Jeanroy s. 54 ff.), welche auch für die 
deutsche poesie wichtig werden. — Noch ist die frage 
nach der internationalen bedeutung der pastourelle 
nicht endgiltig beantwortet, zwar scheinen die deutschen 
forscher in der ablehnung ihres einflusses auf die ver- 
wandten zweige imserer poesie ziemlich einig zu sein, 
Bielschowsky hat sich zuletzt in bezug auf Neidhart 
sehr bestimmt dahin ausgesprochen und ich habe ihm 
rückhaltlos zugestimmt (s. oben s. 14). das darf ich auch 
jetzt noch insofern aufrecht erhalten, als eine unmittel- 
bare nachbildung von pastourellen weder bei Neidhart 



— 22 — 

von Reuenthal noch bei anderen deutschen dichtem 
überzeugend erwiesen werden kann, und doch halte 
ich es ganz ebenso fürwahr, dass ohne den Vorgang der 
französischen pastourellen Neidhart und seine genossen 
niemals ihre sommerreigen und wintertänze gedichtet 
hätten, das scheint mir nicht so sehr aus der ähnlich- 
keit der Situationen und mötive hervorzugehen, ob- 
zwar diese oftmals schlagend ist, sondern aus dem 
übereinstimmen der französischen und deutschen poesie 
in ihrer gesammten haltung gegenüber der dichte- 
rischen Verwertung und behandlung des bauemlebens. 
hüben und drüben dienen diese gedichte der Unter- 
haltung der höfischen gesellschaft (die älteren fran- 
zösischen pastourellen sind in dieser richtung unter dem 
einflusse der Provenzalen umgebildet worden, Jeanroy 
s. 38). das bestimmt vor allem die auffassung des 
bauers, der, wenn nicht verachtet, so doch gehasst 
und nach möglichkeit misshandelt wird (Jeanroy s. 19 ff), 
trotzdem halten es die bauernmädchen und bäuerinnen 
mit den cavalieren (Jeanroy s. 21). aus demselben 
gründe ist es abzuleiten, wenn auf beiden seiten diese 
poesie realistischen Charakter annimmt (Jeanroy s. 39 f) 
und exakte beobachtung des bauemlebens dichterisch 
ausprägt (Jeanroy s. 41 f.). auch in der formgebung 
treten ähnlichkeiten hervor : charakteristisch ist der 
dialog Qeanroy s. 9 f.), eigenheiten der komposition, 
ja sogar zuweilen des strophenbaues. in allen diesen 
punkten lässt sich das entsprechende bei Neidhart 
u. a. leicht neben die bezüglichen stufen der fran- 
zösischen entwicklung stellen, freilich, die Ursache, 



— 23 — 

aus der Jeanroy die höfische Umgestaltung der alten 
volkstümlichen pastourellen allerorts hervorgehen lässt, 
kann ich weder bei der französischen noch bei der 
deutschen dichtung anerkennen: Jeanroy vermutet 
nämlich (s. 22 f.), man habe in den pastourellen 
eigentlich abenteuer vornehmer damen erzählt, sie 
aber nicht vor der höfischen gesellschaft zu profanieren 
gewagt imd deshalb zur imterhaltimg der aristokra- 
tischen kreise das bäuerliche kostüme gewählt, dem- 
gegenüber muss ich bei der auffassungNeidharts bleiben, 
die ich in meinem buche über Walther v. d. Vogel- 
weide (2. aufl. 1895 s. 132 — 141) vorgetragen habe: 
seine dorfpoesie bezeichnet den natürlichen rückschlag 
wider den sentimentalen imd verkünstelten über- 
schwank des höfischen minnesangs, imd sie gedeiht 
üppig auf dem hintergrunde des gegensatzes zwischen 
den armen rittem und den reichen bauem Nieder- 
österreichs. — Was im besonderen den natureingang 
der lieder Neidharts und dessen Ursprung smbelangt, 
weiss ich nichts entscheidendes vorzubringen. R. M. 
Meyer hält ihn (s. 192 ff., vgl. die litteratur s. 207) 
für deutsch; bei dem völlig höfischen Charakter der 
dichtung Neidharts (Marold s. 21 ff.) wäre allerdings 
auch anregimg durch die pastourellen möglich (sogar 
die weit voraufliegenden kämpfe zwischen sommer 
und winter sind der deutschen und romanischen 
Volksüberlieferung gemeinsam), keinesfalls erscheint 
mir Veldeke als bahnbrecher darin (Meyer s. 210 — 
müsste da nicht Veldekes romsmischer »apriU bei den 
nachahmem öfters vorkommen?), imd der gebrauch 



— 24 — 

solcher formelhafter natureingänge beweist an sich 
noch gar nichts für die volksmässigkeit eines gedichtes. 
denn um darüber sicher urteilen zu können, mtissten 
wir vorerst wissen, inwieweit der bauer während der 
verschiedenen zeitläufte seiner poesie der Schilderung 
des naturgenusses überhaupt bedarf, und das wird 
uns bei dem jetzigen stände der sachen schwerlich 
jemand sagen können. — Jeanroy denkt (s. i28fF.) an 
die lateinische vagantenpoesie als Vermittlerin zwischen 
der französischen pastoraldichtung und dem minne- 
sang ; das klingt nicht uneben, obzwar man dabei die 
unterschiede nicht übersehen darf, die, wie Marold 
wahrgenommen hat, zwischen beiden vorhanden sind. 
Damit ist erschöpft, was ich vorläufig über die 
objektiven gattungen in der früh- und blütezeit des 
deutschen minnesanges zu bemerken habe; meine 
ansieht geht dahin, dass ich diese poesie zwar ihrem 
letzten Ursprünge nach für volkstümlich und ein- 
heimisch halte, dass mir aber die vorhandenen, auch 
die ältesten, deutschen Überlieferungen den einfluss 
der romanischen dichtung bereits erfahren zu haben 
scheinen. 



3- 



Verglichen mit den eben behandelten Streitfragen 
herrscht verhältnissmässig einigkeit unter den forschem 



— 25 — 

über die beziehung der im engeren sinne höfischen 
lyrik zur romanischen poesie. hier liegt die abhängig- 
keit der Deutschen von Provenzalen und Franzosen 
offen vor äugen, und nur wenige werden sich ent- 
schliessen, der meinung Bergers zu folgen, der 
(s. 440 f.) nur die basis des minnesanges, die deutsche 
ritterliche gesellschaft, als vom auslande bestimmt an- 
sieht, die dichtung selbst jedoch für autochthon hält, 
so klar man sich über das verhältniss im grossen und 
ganzen ist, so sehr gebricht es uns noch an einer 
arbeit, welche die bezüge zwischen den deutschen 
Sängern und ihren romanischen Vorbildern für sich 
ins äuge fasste, die art des fremden einflusses, den 
weg, auf dem er vorgedrungen ist, aufhellte ; vielleicht 
möchten sich bei genauerer kenntniss schon nach mass- 
gabe der Wirksamkeit romanischer muster unter den 
deutschen dichtem örtliche gruppen bilden lassen. 
es wäre femer wichtig zu wissen, in welchen fällen 
nur anregimg von dem fremden liede ausgegangen 
ist, in welchen hinwiderum die Vorbilder tatsächlich 
übersetzt oder wenigstens in ihrem hauptinhalte nach- 
geahmt wurden, noch gar manches bedarf der auf- 
klärung. seit den frühesten arbeiten von Bartsch, die 
vor etwa vierzig jähren begonnen haben (über Rudolf 
von Neuenburg undFolquet von Marseille Zs. f. d. a. 1 1, 
145 — 162), wissen wir, dass für die ältesten deutschen 
minnesänger hauptsächlich die provenzalischen trou- 
badours bestimmend waren, einfluss der französischen 
trouv^res ist recht spärlich nachgewiesen : für den älteren 
minnesang ist nur die beziehung zwischen Bemger 



— 26 — 

von Horheim und Chrestien von Troyes (MSF. 277 f.), 
sowie durch die hübsche entdeckung von Oskar Schultz 
(Zs. f. d. a. 31, 185 ff.) zwischen Reinmar und Auboin de 
S^zane (vielmehr Gaze Brul6, vgl. Jeanroy-Jullev. 
s. 369 anm.) bekannt geworden (vgl. Gröber, Zs. f. rem. 
philol. 9, 572 f.). dazu wird man jetzt vielleicht noch 
stellen dürfen die kenntniss der lieder Conons de 
Bethune bei Hartmann von Aue (Piquet s. 57 f., ein 
franz. d^bat im i. büchl. nachgeahmt? s. 79 ff.), 
dieser stand der sache ist nicht ganz wol zu verstehen : 
nach dem entwicklungsgange, den man gemeinhin 
annimmt, wäre zu erwarten, dass die französische 
lyrik über Flandern hin auf die rheinischen sänger 
zunächst, dann auf die östlicheren gewirkt hätte, ist 
das übergewicht der Provenzalen in der grösseren 
kraft und begabung ihrer poesie begründet, die schwäche 
des einfiusses der französischen lyrik in ihrem engeren 
gesichtskreise (Gröber, grundr. II, i, 669) und in 
ihrer farblosigkeit, die schon Wackemagel bemerkt hatte ? 
Aber ist denn der weg von der Provence über 
Nordfrankreich nach Flandern und in die Rheinlande 
der einzige, welcher dem romanischen einfluss offen 
stand? die möglichkeit der einwirkung über Lothrin- 
gen auf das Elsass wird man schon bei Reinmar zu- 
geben müssen; auf den unmittelbaren verkehr zwischen 
der Provence und der Schweiz hatte Bartsch a. a. o. 
längst aufmerksam gemacht, ich möchte dem urteile 
der fachgenossen noch eine andere möglichkeit \mter- 
breiten. wir wissen sehr genau, wie rasch die proven- 
zalische l3n:ik auf das benachbarte Oberitalien über- 



— 27 — 

gegriffen hat (Stimming in Gröbers grundr. II, 2, 20 fF. ; 
Casini ebenda III, 2 [1896] s. 13 fF.). zwischen den 
beiden gebieten entfaltete sich ein lebhafter austausch 
und Wechsel verkehr, umso stärker, je mehr die proven- 
zalischen dichter, welche sich fast durchweg auf die 
Seite der Albigenser gestellt hatten, genötigt wurden, 
aus der heimat zu weichen (Casini s. I3). da ist es 
denn sehr begreiflich, dass schnell eine besondere 
neigung für die lyrik der Provenzalen an den kleinen 
höfen und in den freien stadtgemeinden Norditaliens 
aufkam (Casini s. 15), Raimbaut de Vaqueiras dich- 
tete lieder in abwechselnd provenzalischen und italieni- 
schen Strophen (Casini s. 14; man denke an die 
analogie des wirkens der isländischen skalden am 
hofe Englands), und Sordello aus Mantua ist dem- 
gemäss eine sehr wol begreifliche erscheinung. 

Nach heutiger aufiassung gehört zu Oberitalien 
auch noch Friaul. nicht ganz so verhielt es sich im 
mittelalter, soweit wir darüber unterrichtet sind, freilich 
ist unsere kenntniss über dieses merkwürdige mittel- 
gebiet nicht ausgedehnt und tief genug, es beruht 
alles auf einigen Schriften, durch die der steiermärkische 
landesarchivar v. Zahn sich rühmenswerte Verdienste 
erworben hat: nämlich seine urkimdensammlung 
»Austro - Friulana« (Fontes rerum Austriacarum, 
II. abt., 40. band 1877); Friaulische Studien I (Archiv 
f. öst. gesch., 57. band, 2. hälfte, s. 277 — 398 von 
1879); Die deutschen bürgen in Friaul (Graz 1883). 
für die vorliegenden zwecke wird das material dieser 
Veröffentlichungen ausreichen müssen, zu denen ich 



— 28 — 

dann noch mit hinzimehme: H. J. Bidermann, Die 
Romanen imd ihre Verbreitung in Österreich (Graz 1 877) ; 
V. Luschin, Österreichische reichsgeschichte (Bam- 
berg 1896); V. Krones, Verfassung und Verwaltung 
der mark und des herzogtums Steier (Graz 1897) imd 
noch eine anzahl kleinerer publikationen. 

Zwischen dem venetianischen gebiet im westen, 
Istrien im osten, dem südlichen Kärnten im norden, mit 
schmalem anteil am adriatischen meere, erstreckt sich 
Friaul, zum kleineren teil gebirgs-, zum grösseren 
flachland. seine bevölkerung bestand in ältester zeit 
aus Romanen, später kamen Slaven hinzu, der starke 
einfluss der Langobarden machte sich auch in der geltung 
des langobardischen rechtes erkennbar (v. Luschin 
s. 36 f.), indess die Romanen nach römischem recht 
lebten (Friaul. stud. s. 303). die Schicksale des landes 
wurden bestimmt durch die machtstellung des grössten 
grundbesitzers, des patriarchen von Aquileja, der 
nachmals herzogliche gewalt in Friaul erlangte, durch 
die Verfügung Karls d. Gr. vom 14. juni 811 aus 
Aachen (v. Zahn, Steierm. urkundenb. i, 5 iF.), welche 
den streit zwischen dem patriarchen Maxentius und 
dem erzbischof Arno von Salzburg über die grenzen 
ihrer sprengel ordnete, wurde die macht des patri- 
archates einesteils über Friaul gesichert, anderesteils 
über den Südosten der alpenländer ausgedehnt bis an 
die Drau (bestätigt durch Ludwig d. Fr., Aachen, 
27. dez. 819, Steierm. urkundenb. i, 7 ff. vgl. v. 
Luschin s. 51 f.). damit war auch das patriarchat in 
den bereich des deutschen kaisertumes einbezogen. 



— 29 — 

den Langobarden folgten zunächst die Franken, die 
stärkste einwirkung übten jedoch die bayrischen adels- 
geschlechter aus, die sich über Südtirol, Kärnten und 
Steiermark bis nach Friaul vorschoben, dieses ver- 
hältniss wird auch in der besetzung des patriarchen- 
stuhles sichtbar: von 800 — 1250 sind unter seinen 
dreissig inhabem siebzehn Deutsche, und widerum 
unter diesen acht aus bayrisch-kärntnischen familien 
(Friaul. stud. s. 294). demgemäss ist auch der hohe 
adel von Friaul während des 12. und 13. jh. in grosser 
mehrheit deutsch, besonders aus Bayern und Kärnten 
stammend (Friaul. stud. s. 303. 315 fF., die einzelnen 
herrschaften s. 309 ff.), kirchen und geistliche Stiftungen 
werden hauptsächlich von Deutschen gegründet (Friaul. 
stud. s. 336 ff.), die spuren dieser einwandenmg und 
tätigkeit deutscher herrengeschlechter vermag man 
heute noch zu erkennen (vgl. die Schilderungen der 
einzelnen abschnitte des büchleins »Deutsche bürgen 
in Friaul«), und zwar in den deutschen bestandteilen 
des Wortschatzes der furlanischen mimdart (Friaul. 
stud. s. 348 f.) imd besonders deutlich in den italienisch 
umgebildeten, ursprünglich aber deutschen Ortsnamen 
(Friaul. stud. s. 329 ff.), trotz alledem jedoch ist das 
Deutschtum dort frühzeitig vollkommen erloschen, 
das Patriarchat büsste seine weltliche macht ein, das 
land geriet durchaus in die kreise der italienischen 
politik, der hohe deutsche adel verlor sich in wüsten 
raufereien und endlosen besitzstreitigkeiten, der niedere 
ward von der breiten romanischen grundschicht des 
Volkes aufgesogen (Friaul. stud. s. 345 f.). sehr be- 



— 30 — 

merkenswert scheint, dass bereits im I2. und 13. jh. 
der klerus überhaupt, dann besonders die rechts- 
gelehrten notare und Schreiber Italiener waren (Friaul. 
stud. s. 346). die Zeugnisse für die weitaus über- 
wiegende geltung des italienischen als Umgangs- 
sprache, welche ich vorführen kann, stammen freilich 
alle erst aus dem 14. jh., sie erlauben jedoch, da 
solche dinge sich ganz langsam entwickeln, sichere 
rückschlüsse auf die vorangehende zeit. Friauler Ur- 
kunden verwenden den ausdruck vulgarizare^ wenn 
sie die Übersetzung eines lateinisch abgefassten doku- 
mentes ins italienische bezeichnen ; so heisst es 1336 
von einem beschlusse des Parlamentes in Udine: 
quibtis pactis ibidem in generali colloquio publice lectis 
et vulgarizatis (Austro-Friulana s. 44); 1364: me 
Nicoiao notario ipsam cedulam legente, et vulgari- 
zanteipso precone dictam sequentem vulgarizationenty 
cujus quidem cedule tenor talis est et fuit (Austro- 
Friulana s. 249); 1365: lectisque ibidem et vulgarizatis 
pactis et conventionibus suprascriptis per m^e notarium. 
infrascriptum. — (a. a. o. s. 305). — lectis et vulgari- 
zatis Omnibus et singulis supradictis (a. a. o. s. 306). 
sehr zahlreich sind die italienischen Umbildungen 
lateinischer worte in der spräche der Urkunden Friauls ; 
auch viele deutsche worte (zum teil seit der lango- 
bardischen zeit) finden sich, mit und ohne latinisierung 
{1362 in reysa sua^ a. a. o. s. 170), aber es ist doch 
sehr bezeichnend, dass 1341 gesagt wird: mutam, seu 
exactioneniy que unghelt lingua theotonica appellatur 
(a. a. o. s. 49), und besonders, wenn ein bericht von 



— 31 — 

1361 erzählt (a. a. o. s. 156): ad hec prefatus capi- 
taneu^ dictum canzellarium traocit ad partem^ et 
sibi in aure dixit seu did fecit in vulgari theotonicOy 
quod non habebat mandatum prorogandi treugas 
hußismodi nist ad duos tnenses. 

Ungemein stark und eng gestalten sich die terri- 
torialen beziehungen zwischen Friaul und den süd- 
lichen deutschen alpenländern. die friauler grafen 
von Naun bei Pordenone vererben ihren besitz um 
1140 an die steirischen markgrafen und bestiften 
innerösterreichische klöster (v. Krones s. 12. 67). da- 
durch wird Pordenone (weiters durch kauf) haus- 
besitz der herzöge von Östereich - Steiermark, und 
Friedrich der Streitbare kann 1232 dort auf seinem 
eigenen boden dem rufe des kaiser Friedrich II. folge 
leisten, andererseits dehnt sich der besitz des Patri- 
archen von Aquileja weit über Krain und Istrien 
hinaus nach Kärnten und nach Steiermark, wo er 
markgräfliche rechte beansprucht, die grosse herrschaft 
Windischgraz in Untersteier hat er allerdings erst 
nach 125 1 inne, doch entfaltet das patriarchat schon 
vorher wie nachher eine weitgreifende tätigkeit in 
Steiermark (v. Krones s. 297). im 12. jh. bereits stehen 
die steirischen landesfürsten in sehr nahem verhältniss 
zu den patriarchen (v. Krones s. 80 f.), sie haben das 
schenkenamt von Aquileja inne und damit, nach der 
friauler volksmeinung, das Protektorat über die alte 
metropole (v. Krones s. 12 ; Friaul. stud. s. 310 fF.). über 
die leben Aquilejas an die herzöge von Österreich 
und Steiermark bestehen Urkunden von 11 89 und 



— 32 — 

I2I9 (v. Krones s. 158). das dauert durch das ganze 
13. jlu, während dessen auch die kärntnischen herzte 
lehenstrager von Aqufleja sind für die herrschaft 
Windischgraz (v. Krones s. 268). aus diesen be- 
ziehungen erklärt sich auch der vertrag vom 20. mai 
1250 zwischen Uhich von Liechtenstein und Philipp 
den erwählten von Salzburg, dem gemäss die steirischen 
ministerialen sich wegen Friauls zu einem reich- 
licheren au%ebote verpflichten (v. Krones s. 243). nach 
dem erlöschen der Babenberger hat naturlich auch 
Ottokar 11. von Böhmen es angestrebt und zeitweilig 
erreicht, in ihre rechte mit bezug auf Aquileja und 
Friaul einzutreten, so dass sich seine Herrschaft tatsäch- 
lich bis ans adriatische meer erstreckte, doch musste er 
im Wiener vertrage von 1276 seine ansprüche (auch 
Pordenone) au%eben (v. Krones s. 256). diese Ver- 
hältnisse öfben dem einströmenden deutschen adel in 
Friaul völlig freie bahn, das parlament despatriarchates 
in Udine, das schon 1 207 — 1 4 fungierte, ist eine deutsche 
institution (Friaul. stud. s. 302; v. Luschin s. 171). der 
capUaneus generalis, welchen der patriarch nach 
italienischer art 1301 bestellt, ist der deutsche graf 
von Görz (v. Luschin s. 200) und das amt wird noch 
während des 14. jhs. nur von Deutschen bekleidet, 
ebenso die stellen der capitanei, vicecapitanei und 
gastalden (Friaul. stud. s. 394 f.). — Neben allem 
diesen muss noch in betracht gezogen werden, dass 
diese politisch eng verbundenen südlichen länder auch 
an einem überaus regen handelsverkehre teilnahmen, 
dessen ausgangs- und knotenpunkt Venedig bildete 



— 33 — 

(Friaul. stud. s. 352 ff., verzeichniss der waaren s. 362). 
die Strasse, welche Friaul mit Kärnten und Steiermark 
verband (eine besondere zweigte nach Tirol ab), war 
der alte Römerweg, die > Eisenstrasse« (Friaul. stud. 
s. 290 f., 364 ff.), jetzt die eisenbahnlinie Bruck- 
Leoben-Tarvis-Ponteba, und ist just der weg, den 
Ulrich von Liechtenstein auf seiner Venusfahrt 1227 
vom lombardischen Mestre aus gezogen war. ein 
guter teil der italienischen einwanderung in die Alpen- 
länder ist gewiss auf diesem wege gekommen (Bider- 
mann s. 1 70 ff., wo auch alte Zeugnisse) und hat die 
alten romanischen spuren wider aufgefrischt (ital. 
Ortsnamen in Steiermark, Bidermann s. 181 f.; alte 
Romanen in Noricum, v. Luschin s. 78 f.). 

Ihrer ganzen historischen läge nach war somit 
die deutsche adelsgesellschaft des patriarchats und 
Friauls durchaus geeignet, zwischen deutschem und 
romanischem wesen zu vermitteln, diese durch 
mischimg mit italienischem blut lebhafter und leichter 
gewordenen aristokraten besassen interesse für deutsche 
poesie, wie sich unschwer feststellen lässt. wenn 
Walther von der Vogelweide wirklich in festem 
dienstverhältniss zu dem patriarchen Wolfger von 
Aquileja (bis 1204 bischof von Passau; über ihn 
Burdach, Vom Mittelalter zur Reformation s. 15 f.) 
gestanden hat, wie sich jetzt Burdach geschickt und 
eifrig zu erweisen bemüht (Allg. deutsche biogr. 41, 
53 f. 61 f. 65 f. 67. 73), dann sind seine lieder wol 
auch in Friaul erklungen, dort in Cividale fanden 
sich die reiserechnungen Wolfgers aus seiner bischöf- 

3 



— 34 — 

liehen zeit, in denen das geschenk f(ir den deutschen 
dichter unweit von dem für italienische Sängerinnen 
verzeichnet wird, (selbst die blätter IX und X, die nach 
August Höfers erweis in Paul Braunes Beitr. 17, 510 ff. 
gar nicht zu den reiserechnungen gehören, sind doch 
hier wertvoll, weil sie die mischung von Deutschen 
und Italienern bei dem jagdausfluge einer adeligen 
gesellschaft in Kärnten bezeugen.) 

Sehr bedeutsam erscheint uns Stellung und wirken 
des Thomasin von Circlaria, des >Welschen gastes«. 
(14752 verse, oder vielmehr 14742, denn Rückert hat 
sich zweimal 1290 — 13CX) und 1490 — 1500 um je fünf 
verse verzählt), den urkundlichen nachweis, dass die 
familie dieses dichters ein dienstmannengeschlecht der 
Patriarchen von Aquileja und in Friaul angesessen sei, 
hat bekanntlich v. Karajan zuerst erbracht (Zs. f. d. a. 5, 
242). Justus Grion hat dann in einem sonst wenig 
brauchbaren aufsatze einige wertvolle notizen vor- 
gelegt (Zs. f. d. phil. 2, 429 — 432). alles weitere über 
Thomasin müssen wir noch seinem werke selbst ent- 
nehmen, dessen genauere betrachtung ims hier um so 
weniger erspart werden kann, als die fachgenossen 
im allgemeinen das freüich von Rückert nicht sehr 
gut herausgegebene gedieht weit über gebühr zu 
vernachlässigen scheinen, (ich nehme Burdach aus, 
der »Vom Mittelalter zur Reformation« s. 16 dem 
Welschen gaste gerecht wird.) 



35 — 



4- 



Dürfte man den angaben Grions trauen, dann 
hätte das in Cividale angesessene und mit gutem an 
verschiedenen orten in Friaul ausgestattete geschlecht 
der Cerchiari zu dem freien adel des landes gehört 
(a. a. o. s, 432). nun sind aber die von ihm mit- 
geteilten Urkundenauszüge zu knapp, als dass die 
sache ohneweiters entschieden werden könnte, zumal 
die originale nicht gedruckt oder mindestens mir nicht 
zugänglich sind, dass Thomasinus de Cerclara als 
canoniciis Aquilegiensis gestorben ist (s. 431), spräche 
ebenso für den freiherrnstand wie die von Grion er- 
wähnte Vergesellschaftung mit anderen adeligen 
familien Friauls und das auf tüchtigkeit und reich- 
tum beruhende gedächtniss, das die Cerchiari hinter- 
lassen haben und das auch in gebetsstiftungen 
seinen ausdruck fand (s. 431). andererseits heissen die 
de Cerclara zwar gelegentlich (nicht immer) dotnirdy 
aber niemals nobtles, und Bernardus de Circlaria^ 
den Grion für den vater des dichters hält, 1198 ein- 
fach ntiles de Forojulii, darnach wird es vorläufig 
am geratensten sein, die Cerchiari den dienstmannen 
und höchstens vielleicht dem stadtadel zuzurechnen. 

Wie dem auch sei, jedesfalls lässt die bezeich- 
nung Thomasins als canonicus der kirche von Aquileja 

3* 



— 36 - 

darauf schliessen, dass er eine für diesen stand not- 
wendige bildung sich werde erworben haben, und das 
bestätigt vollauf der inhalt seines deutschen haupt- 
werkes. ich lege hier nur etliches weniges von dem 
vor, was ich seit langer zeit zum »Welschen gast« 
gesammelt habe; vielleicht ergibt sich ein andermal 
gelegenheit, das übrige nachzutragen, aus der biblischen 
geschichte führt Thomasin eine ziemliche anzahl von 
personen an stellen an, die meistens einen grösseren 
Zusammenhang befassen (4545. 4737. 51 89 — 5278. 
6051— 6105. 6189. 6861 — 6975. 9222. 10703 — 10790. 
10862. 11023 — 11075. 11898. 11987. 12921). es ist 
nun doch recht merkwürdig, dass unter den 41 biblischen 
personen, die er nennt, 35 dem alten testament an- 
gehören (Adam imal, Kain 3, Abel 4, Enoch i, 
Nimrod i, Abraham 2, Isaak i, Jakob 2, Joseph 5, 
Pharao i, Moses 5» Aaron i, Dathan und Abiron i, 
Balaam i, Gedeon i, David 3, Jonathan i, Saul i, 
Absalon i, Salomon I, Phineas i, Hiob 4, Daniel i, 
die drei Jünglinge i, Ahasver i, Haman 4, Jonas i, 
Susanna i, Josephus, Azarias und Judas (2, aus dem 

1. buch der Makkabäer), Nicanor (aus dem i. und 

2. buch der Makkabäer), ausserdem noch Nabuchodo- 
nosor, Belsazar. aus dem neuen testament erwähnt 
Thomasin nur (ausser Christus) Herodes i, heil, drei 
könige i, Magdalena i, Lazarus 2, Judas 2, Paulus 2, 
Petrus 2 (in dem satze 6207 : ir sult wizzen daz der 
vischcere so höhe niht gestigen wcere, ob man mit 
richtuom dar solt komsn ; und 8762 : sant Peter 
wart ein predigär^ der vordes manige stunde niht 



— 37 — 

anders niwan vischen künde; Maria mit namen gar 
nicht, und sonst weder einen apostel noch evangelisten- 
unter den heiligen wird nur s. Martin 3778 genannt, 
wenngleich nun in der predigt des 12. und I3. jhs. 
der Stoff des alten testamentes noch immer sehr 
wichtig ist und aus ihm auch vor Berthold von 
Regensburg hauptsächlich die dispositionen (=htstoriae) 
entnommen werden, was weder vorher noch nachher 
so häufig geschah, so bleibt das angegebene ver- 
hältniss bei Thomasin doch auffallend genug und zwar 
so sehr, dass ich daraus zweierlei schliesse: erstens, 
Thomasin kann weder als priester und prediger, noch 
als lehrer jemals vor der abfassung seines werkes 
mit eifer und durch längere zeit tätig gewesen sein, 
er kann sich nie mit den theologischen Studien seiner 
zeit eingehend befasst haben; zweitens, die richtung, 
welche sein Welscher gast einschlägt, ist eine über- 
wiegend weltliche, die zwecke der erbauung liegen 
ihm ebenso fern wie das bedürfniss, religiöse empfin- 
dungen selbst zu äussern oder bei anderen hervor- 
zurufen, das ist alles mit einem canonicat am dome 
zu Aquileja ganz wol vereinbar, ja die häufigkeit 
der erwähnung biblischer personen ist immerhin durch 
Thomasins lebensstellung am besten erklärt; es be- 
zeichnet jedoch seine und die haltung seines werkes. 
damit stimmt ganz überein, was ich über den ge- 
brauch der biblischen lehren bei ihm wahrgenommen 
habe, ich darf das hier nicht ausführen, sondern nehme 
nur meine beobachtungen zu dem satze zusammen: 
Thomasin benutzte die bibel sehr häufig, meistens ohne 



— 38 — 

sie ausdrücklich zu citieren. aber er steht der bibel 
im ganzen gegenüber wie einer anderen autoritativen 
lehrschrift (Seneca, Boethius, Wilhelm von Conches 
u. s. w.) ; sie ist ihm keineswegs in fleisch und blut 
übergegangen, seine spräche ist nicht von ihrem Wort- 
laute durchtränkt (dass er eine ketzerbibel gebraucht 
habe, war ein absurder einfall Rückerts anm. zu v. 
6 189 ff.), er verfällt nicht unwillkürlich auf die biblischen 
bilder und vergleiche (z. b, fast gar nicht die der 
evangelien) und unterscheidet sich dadurch ganz un- 
gemein von den theologischen dichtem und geist- 
lichen didaktikem des 12. jhs. zu diesem ergebniss 
führt übrigens auch die vergleichung seines reim- 
gebrauches mit dem der vorangehenden geistlichen 
poesie: sie haben nichts nennenswert gemeinsames 
und Thomasins formelhafte reimbindungen sind ganz 
andere, was er von deutscher poesie kannte, war 
offenbar weltlichen, nicht geistlichen inhaltes. 

Damit stimmt überein, was der »Welsche gast« 
an persönlichkeiten der antiken weit seinen lesern und 
hörern vorführt, ausser den griechischen und römischen 
gelehrten, welche der abschnitt über die sieben freien 
künste namhaft macht, wird noch eine anzahl heidnischer 
gestalten genannt (je einmal Helena, Julius Caesar, 
Hector, Anchises [Troja], Hannibal, Socrates, Aristo- 
teles [die sieben philosophen 6409 ff.] — Cosdroes und 
Eraclius gehören der legende und predigt an); über 
alle trägt es Alexander davon, der siebenmal vor- 
kommt (2919. 3371. 3375. 3433. 3767. 6416. 6493), 
aber ohne dass die fassung der sage genauer bestimmt 



— 39 — 

werden könnte (vielleicht doch das gedieht des Walther 
von Chatillon), der er entstammt, es macht also 
Thomasin auch seine auf der schule erworbene kennt- 
niss der alten geschichte einer weltlichen auffassung 
des lebens dienstbar, derselben richtung gehört es an, 
was er von juristischem wissen darlegt und was sich 
durchaus nicht auf das canonische recht beschränkt, 
zwar citiert er 91 51 ff« decrete und liges, aber seine 
eingehende behandlung des gerichtswesens 12428 ff. 
bekundet die genaue Vertrautheit mit der weltlichen 
rechtspraxis des adels. man könnte sich daran erinnern, 
dass für einen domherm zur zeit des > Welschen gastes« 
oftmals nur niedere weihen nötig schienen und dass 
diese würde eine ganz weltliche lebensführung ver- 
stattete. 

Und doch möchte das für Thomasin nicht zu- 
treffen, was alsbald klar wird, wenn man sich etwas 
um die quellen bemüht, aus denen er sein werk geschöpft 
hat. er verrät wenig genug davon, der einzige kirchen- 
schriftsteller, den er, wie schon Rückert (anm. zu v. 2125) 
notiert hat, namentlich anführt, ist Gregor der Grosse 
(4795) ; er benutzt ihn auch dort, wo er ihn nicht 
citiert (z. b. verwendet er für v. 8977 ff. den prolog 
zum 4. buch der dialoge). aber, wenn Gervinus (2^, 20) 
den forschungen Rückerts folgend, urteilte,' Thomasin 
habe seine Weisheit hauptsächlich aus den antiken Schrift- 
stellern entnommen, so trifft das nicht zu, weil eben 
diese forschimgen durchaus nicht ausreichen. Rückert 
hat auch an den stellen, wo er das richtige sah, es 
nicht genauer verfolgt, und konnte so zu der ansieht 



— 40 — 

gelangen, Thomasin habe vielfach die antiken Schriften 
unmittelbar benutzt, indes er doch spätere vermittler 
gebraucht hatte, ich vermöchte ihm jetzt directe ent- 
lehnungen nur aus Seneca und Pseudo-Seneca mit 
Sicherheit nachzuweisen, kaum aus Boethius. für einige 
Sätze werden vielleicht reminiscenzen an die schul- 
lektüre von Cicero und Horaz vermutet werden 
dürfeUj wahrscheinlich ist es mir nicht. 

Den rahmen seines werkes, zum teil die anord- 
nung und sehr vieles von dem gelehrten material, 
das Rückert der directen benutzung antiker Über- 
lieferung zuschrieb, hat Thomasin aus einem wol- 
bekannten lehrbuch entnommen, der Phüosophia 
ntorälis de honesfo et utili des Wilhelm von Con- 
ches (nicht des Hildebert von Tours, vgl. Anz, 
f. d. a. 17, 344). wunderlicher weise hat Rückert 
schon wahrgenommen (anm. zu v. 617. 3433. 5318. 
5547, 7836. 12378. 14355. 14619), dass Thomasin 
diese schrift (Migne, Patrol. Lat. 171, 1003 — 1056) 
kannte, hat sich aber darauf beschränkt, ein paar 
loci nachzusehen; trotzdem ist ihm die allgemeinere 
bedeutung der >Philosophia moralis« als vorbild des 
»Welschen gastes« ebenso entgangen wie der genauere 
Zusammenhang im einzelnen, ein beispiel mag statt 
vieler hier genügen: zu v. 617 ff. merkt Rückert die 
benutzte stelle bei Wilhelm von Conches (Migne 171, 
1036 C) an, bringt aber noch eine andere aus Seneca 
bei, die hier benutzt werde, dabei übersieht er, dass 
in der lateinischen schrift um ein paar zeilen später 
(1036 D) just der satz aus Terenz angezogen wird, 



— 41 — 

den Thomasin hier widergibt: suspicere, tarnquatn 
in speculum, in vitas ontnium , , , atque ex aliis 
sumere exemplum sibi: (6lg) wan die vrumen Hute 
sint und suln sin Spiegel dem kint daz kint an 
in ersehen sol^ waz sti übel oder woL siht er daz 
im mac gevallen, daz läz niht von szm muote 
vollen; siht er daz in niht dunket guot, daz 
bezzer er in stnem muot die folgenden stellen 
Wilhelms (1037) haben jedoch zugleich auch den 
rahmen für Thomasins i. buch abgegeben: dort 
steht die mahnung wider trägheit und spielsucht der 
Jugend (W. g. 141 fF. 165 ff.), darnach das lob der 
schamhaftigkeit (verecundia^ W. g. 185 ff.) und 
überhaupt die ganze dreiteilung dieses abschnittes. 
— ist es denn doch nicht sehr merkwürdig, dass 
diese selbe Philosophia moralis von dem im fernsten 
Süden heimischen deutschen lehrdichter und, ungefähr 
ein menschenalter früher (Edward Schröder, Anz. f. 
d. a. 17, 78 f.), durch den norddeutschen Wemher 
von Elmendorf (Zs. f. d. a. 34, 55 — 75) bearbeitet 
wurde? noch bemerke ich, dass für feinere imter- 
suchungen der lateinische text des Wilhelm von Conches, 
wie er aus drei hss. (Zs. f. d. a. 34, 56) in Mignes Patro- 
logie veröffentlicht wurde, nicht genügt ; es gibt bessere 
und auch viel reichhaltigere hss. dieses tractates : auf eine 
davon, in dem Cistercienserkloster Stams (Oberinnthal, 
Tirol), hat Anton Zingerle die aufmerksamkeit gelenkt 
(Sitzungsber. der Münchener akad. 1881 s. 298 ff.) 
An etlichen stellen seines werkes entfaltet Thomasin 
eine weitergreifende gelehrsamkeit. die wichtigste 



— 42 — 

darunter 8899 ff. handelt von den sieben freien künsten. 
sie bearbeitet die entsprechende partie des AnH- 
claudiantts, seu Ubrorunt de officio virt honi et 
perfecH summariunt, eines werkes, das Alanus 
ab Insulis gegen eine satire Claudians, aber ebenso 
unter der einwirkung der berühmten schrift des 
Marcianus Capella, De nuptiis Mercurii et Philologiae 
verfasst hat, wie sein Liher de planctu naturae 
den aufbau und das wichtigste der ausfuhrung der 
Consolatio philosophiae des Boethius verdankt den 
vielgelesenen Anticlaudian hat der Cistercienser 
Carolus de Visch aus pietät gegen seinen vermeint- 
lichen Ordensbruder (vgl. v. Hertling im Kirchenlex. 
I*, 395 f.), den Doctor universalis Alanus, sorgfältig 
herausgegeben, seine edition ist wider abgedruckt 
bei Migne, Patrol. Lat. 210, 481 — 576. Thomasin 
nennt am erwähnten orte zunächst die sieben freien 
künste, definiert sie dann kurz und schliesst daran eine 
ausfuhrliche besprechung der bedeutendsten meister 
jeder dieser künste und ihres wirkens. dabei legt er 
zugrunde die darst eilung bei Alanus in den abschnit- 
ten kapitel 8 des 2. buches bis kapitel 2 des 4. 
buches (Migne 210, 508 — 521). bei der grammatik 
hebt er hervor: Donat, Aristarch, Priscian v. 8937 ff., 
ebenso Alanus 508 BC; dialektik v. 8941 ff. Aristoteles, 
Boecius, Zeno, Porphirius = Alanus 511 BC ; rhetorik v. 
8945 ff. Tullius, Quintilian, Sidonius= Alanus 513BC; 
arithmetik v. 8949 ff. Crisippus, Pitagoras = Alanus 
516 B (nur die zwei letzten; die beiden früheren> 
Nicomachus und Gilbertus, lässt Thomasin weg); 



— 43 — 

musik V. 8951 f. Gregorius, Timotheus, Millesius = 
Alanus 518 A. diese stelle stimmt scheinbar nicht, 
ist aber gerade von schlagender beweiskraft. Rückert 
sagt in seiner anmerkung dazu: >die hss. geben hier 
den unerhörten namen Micalus mit merkwürdiger 
Übereinstimmung, meine konjektur [Timothiu^s für 
Micalus] beruht auf der ähnlichkeit des lautes, die 
zwischen Micalus und Timotheus allerdings nicht 
gross, aber doch grösser ist, wie zwischen jedem 
anderen namen, an den man zu denken versucht 
wäre, hauptsächlich aber auf der zugesetzten heimats- 
bezeichnung il/z7/mw5. Boethius, De mus, i, i spricht 
ausführlich von ihm und erzählt seine bekannten be- 
gegnisse in Sparta: idcirco Tintotheo Milesio Spar- 
tiatas etc,€ Rückert hat recht und unrecht: unter dem 
Milesius ist allerdings der Flötenmeister Timotheus 
verstanden, aber auch Micalus bezeichnet eine musi- 
kalische grosse, denn im Anticlaudian heisst es 5 1 8 A : 

Illic artifices, quos musica gaudet habere 
consortes, vel quos proprii dignatur honore 
nominis amplecti, scripturae fama perenDat. 
mellitae vocis Milesius exerit usum — . 
navigat in medio, partem relinquit utramque 
Gregorius noster, refugitque pericula vocum — , 
musica laetatur Michalo doctore, suosque 
corrigit errores, tadi dictante magistro. 

Das sind die drei namen, wie die hss. des 
Welschen gastes sie 8951 f. darbieten. — geometrie 
V. 8953 f. Thaies, Euclydes = Alanus 520 AB; astro- 
nomie v. 8955 ff. Albumasar, Ptolemaeus (vgl. Migne 



— 44 — 

172, 59 B)> Atlas = Alanus 521 AB. der allerdings 
sehr merkwürdige astronom Atlas verdankt seinen 
Ursprung einem missverständnisse Thomasins, denn 
es heisst bei Alanus a. a. o. 

astraque sustentat, dum sustentatur ab astris 
Atlantis virtus, coeli sine pondere pondus 
gestat, fert coeluxn dum fertur, dumque ferendo 
sideribus cedit, cedenti sidera reddunt. 

somit hat der Welsche gast den weltriesen des griechi- 
schen mythus für einen gelehrten angesehen. — die 
deutung und anwendung der sieben freien künste, 
welche Thomasin v. 8999 — 9062 folgen lässt, entnimmt 
er zu einem teile dem 6. kapitel des 7. buches des 
Anticlaudian (Migne 210, 554 ff. vgl. übrigens noch 
den hymnus des Alanus über diese künste s. 577 ff.), 
die darauf folgende darstellung von Divinitas und 
Physica entspricht, indem die namen zum schul- 
mässigen geändert werden, der Theologia und Na- 
tura bei Alanus in den nächst vorhergehenden 
kapiteln. — noch in einem anderen teile seines werkes 
benutzt Thomasin das gedieht des Alanus, v. 7385 ff. 
bei seiner beschreibung des kampfes zwischen tugenden 
und lästern, zwar dass er Überfnuot= Superbia an die 
spitze treten lässt, das gibt er nach einer ganz alten 
Vorstellung an (Zs. f. d. a. 38, 136 f.), die übrigen 
scharen der laster ordnet er aber gemäss der dar- 
stellung im 8. und 9. buche des Anticlaudian (a. a. o. 
s. 559 ff.)} was besonders hübsch in der Übereinstim- 
mung von V. 7391 ff. mit kapitel 6 des 8. buches 
(s. 564 ff.) hervortritt. — ich will endlich nicht ver- 



— 45 — 

schweigen, dass zwischen dem Doctrinale minus oder 
Liher paraholarum^ welches werk dem Alanus zu- 
geschrieben wird (Migne 210, 581 — 594), und dem 
gebrauche von bildem und vergleichen bei Thomasin 
mir vielfache berührungen zu herrschen scheinen. — 
ferner vgl. zu v. 6051 if. des Anticlaudian liber 6, 
kapitel 8 (Migne 210, 548 C), wo auch der Phineas mit 
dem ihn auszeichnenden zelus sich findet, den Rückert 
in der anmerkung vermisste. 

An einer anderen stelle verwertet Thomasin seine 
kenntniss vom weltbau, um sie dann gleichfalls ins 
ethische zu wenden, das geschieht v. 2277 — 2422. der 
abschnitt bietet, insbesondere in der beschreibung der 
wechselseitigen beeinflussung der vier demente viel 
rätselvolles, beinahe dunkles (auch durch Rückerts 
falsche interpunktion), das aber schwindet, sobald man 
dazu das kapitel 21 der i, buches der Philosophia 
mundi liest, das Wilhelm von Conches verfasst hat 
(unter dem namen des Honorius Augustodunensis ge- 
druckt bei Migne 172, 39 — 102; dort s. 48 — 55, vgl. 
femer s. 93 B — D). die angaben über die läge der 
elemente v. 2349 ff« entstammen den kapiteln i. 3. 6 
des 2. buches (a. a. o. s. 57 ff.), die der planeten 
V. 2363 ff. den kapiteln 17 ff. des 2. buches (a. a, o. 
s. 62 ff.), dabei ist Thomasin widerum ein auffälliges 
missverständniss begegnet; er sagt v. 2371 f.: geheizen 
ist Vinus der vuntfly kalt und naz ist sin kumft. 
Venus kalty das wäre sonderbar, bei Wilhelm von 
Conches steht im 20. kapitel (s. 63 C) : Venus calida 
et humida Stella, es hat also hier in einem äugen- 



- 46 - 

blicke der vergesslichkeit der Welsche gast das 
lateinische calidus durch ein scheinbar etymologisch 
verwandtes deutsches kalt übersetzt. — zu v. 2178 flf. 
wird man die kapitel 25 — 29 des 2. buches (s. 65 — 71) 
halten dürfen. 

Der früher behandelte passus von den sieben 
freien künsten wird eingeleitet und beschlossen v. 
8789 ff. 9449 — 9594 durch erörterung der seelenkräfte 
und sinne, diese partie schöpft ganz aus dem werk- 
chen De Septem septenis des Joannes Sarisberiensis, 
Sectio 4: de septem viribus animae (Migne 199, 
951 ff., vgl. dazu noch desselben autors Metalogicus, 
Über 4, kapitel 9 — 20, Migne 199, 921 — 928). von dort- 
her, Sectio 2 (s. 948 ff.) stammt wol auch der andere teil 
der erwähnten deutungen der artes liberales v. 8999 ff., 
sowie die betrachtimgen über die frinf sinne sich mit 
Sectio 3 (s. 950 f.) berühren, und der gedanke, divinitas 
und physica als achte und neunte den sieben künsten 
anzureihen, aus sectio 7 (s. 960 ff.) geholt ist. die 
stiege der tugenden, von welcher das 5. buch 
des Welschen gastes, besonders v. 5781 ff., handelt, 
ist nach sectio 5 (s. 954) aufgebaut, dass Thomasin 
auch das hauptwerk des Joannes Sarisberiensis, der 
Polycraticvis nicht unbekannt war, hatte Rückert schon 
geftinden, vgl. seine anmerkungen zu v. 1723. 13841. 
vielleicht hat der Welsche gast auch aus dem Vor- 
wort zu diesem werke (auctor ad opus suum, Migne 
199, 379 ff.) die anregung zu seiner hübschen Zwie- 
sprache mit der feder im eingange des 9. buches 
V. 12223 ff. (vgl. noch 13565 ff.) entnommen, (vgl. 



— 47 — 

übrigens die verse über die tätigkeit des personificierten 
calantusy welche die zweite praefatio zum Anti- 
claudian des Alanus enthält, Migne 210, 487 fF. ; im 
Schlusskapitel desselben werkes, das neue bücher um- 
fasst, wird öiepagina angesprochen, a. a. o. s. 574 CD. 
— das erste der rätsei des Symposius hat den stüus 
zum gegenstände.) dafür bieten sich freilich noch 
andere möglichkeiten : Hartmann von Aue schliesst 
sein 2. büchlein mit einer anrede an sein werk- 
chen; Ulrich von Liechtenstein füllt beinahe sein 
ganzes i. büchlein (Lachm. 44, 17 fF.) mit einer 
solchen anspräche, die verglichen mit dem Entheticus 
zum Polycraticus sogar deutlich zeigte wie verschiedene 
autoren in derselben Situation ganz unabhängig von 
einander auf sehr ähnliche gedanken verfallen können, 
eine unmittelbare rede an die feder hat man in der 
biographie des h. Odo von Clugny durch seinen 
Schüler Johannes (vgl. Wattenbach, Geschichtsquellen 
i^ 422) aufgelesen, wo (Migne 133, 52 CD) aber 
der schriftsteiler von Gregor dem Grossen in einer 
Vision zu dem schwierigen werke der abbreviatur der 
Moralia in Job ermuntert wird, nichjt das Werkzeug, 
(mein amtsgenosse, prof. Heinrich Schenkl, hat die 
grosse gute gehabt, auf meine bitte die im mittelalter 
meistgebrauchten lateinischen dichter auf dieses ge- 
spräch Thomasins mit der feder hin durchzusehen. 
das ergebniss war negativ: weder stüus, noch cala- 
fnus oder gar penna werden von den antiken poeten 
angesprochen, nur das buch oder die schrift, und 
zwar in folgenden beispielen: Ovid Tristien i, i 



- 48 - 

{liber)\ 2 {libelli)\ 3, i und 5, 4 (das buch spricht 
selbst); 3, 7 (littera), Statius, Silv. 4, 4 (epistola)] 
Theb. 12, 810 fF. (Thebais). Martial i, 3 (parve liber); 
3, 2 {libelle)\ 3, 4, 5. 8, i. 11, i. 12, 3 {liber)\ 12, 
2 (carmina), Ausonius, epigr. 34 {chartä)\ epist. 16 
(libelle) ; 2 1 (iambe). es ist also nicht daran zu denken, 
dass Thomasin bei seinem gespräch eine schulerinnerung 
verwertet habe.) — zu v. 11639 fF. vgl. den 2. band 
meiner Altd. Pred., anm. zu 6, 24. 

Aus diesen hier vorgebrachten hinweisen auf 
etliche quellen werke, die Thomasin stark ausgenutzt 
hat, ergibt sich meines erachtens mit ziemlicher ge- 
wissheit, dass der autor für den geistlichen stand, 
den eine Urkunde ihm zuschreibt, auch wirklich er- 
zogen worden ist : andersfalls wäre diese litteratur ihm 
nicht wol zugänglich gewesen, man wird dawider 
nicht, wie es geschehen ist, etliche sätze anführen 
dürfen, in denen Thomasin unkirchliche gesinnimg 
zu äussern scheint: z. b. v. 10187 fF. darüber, dass man 
nicht länger in der kirche verweile, als die andacht 
vorhält; v. 10216 fF. über das wirksame gebet, denn 
gerade die ansicjiten, welche er hier vorträgt, sind 
von alter zeit her (zum mindesten sagt schon Augustinus, 
Sermo 114, bei Migne 38, 652 fF. : oratio optima, 
vita justä) durch die kirchenväter gelehrt worden, 
und im anschlusse an das herrenwort : nolite multum 
loqui (Matth. 6, 7) ist von den commentatoren 
und homileten immer vor dem langen lippengebet 
gewarnt und zu der kurzen herzensbitte ermahnt 
worden. 



— 49 — 

Unleugbar jedoch scheint mir, wenn ich diesem 
abschnitt überblicke, dass Thomasin bei der aus- 
arbeitung seines werkes nicht so sehr theologische 
Schriften im engeren sinne des wortes zu rate ger 
zogen hat, sondern bücher, in denen sich geistliche 
mit weltlicher Weisheit verband, das findet, sofern 
ich nicht irre, in dem übrigen Charakter seines ge- 
dichteSy sowie in der daraus erschliessbaren lebens« 
führung des autors eine durchaus befriedigende er- 
klärung. 



5. 



Es muss sofort mit aller bestimmtheit ausge- 
sprochen werden, dass Thomasin von Zirclaria die 
weltliche Sittenlehre seines »Welschen gastest' durch- 
weg vom Standpunkte aristokratischer lebensbetrach- 
tung aus vorträgt: seine didaktik ist die ausschliess- 
lichste Standespoesie, welche ich aus seiner zeit 
kenne, dieses urteil befindet sich, wie ich wol weiss, 
in hartem gegensatze zu dem herkömmlichen, man 
hat sich eben bei diesem hauptsächlich an stellen 
gehalten wie v. 3855 — 3926 (Gervinus 2^ 10 f.), 
allein da kommt nur die pflichtmässige anschauung 
der kirche zum Vorschein, wornach alle menschen 
von geburt aus gleich und alle gottes kinder sind* 

4 



— so — 

in anderen partien lehrt Thomasin nur, dass adelig 
sein auch adeliges leben erfordere; das geht jedoch 
von der aufiiassimg aus, edle gesinnung sei an sich 
schon die auszeichnende eigentumlichkeit des mannes 
von edler abstammung und scheide ihn von dem 
gemeinen, und das war die ansieht des mittelalters 
überhaupt, wenn man darin, ebenso wie in ähnlichen 
äusserungen Walthers von der Vogelweide, den aus- 
druck einer über den durchschnitt der menschen des 
Zeitalters erhabenen humanität gefunden hat, so scheint 
mir das vom modernen Standpunkte aus geurteilt und 
aus einer Vorstellung von idealen zuständen der 
menschlichen gesellschaft, welche die >erklärung der 
menschenrechte« bereits hinter sich hat. — überschätzt 
man also, wie ich denke, die geistige freiheit, welche in 
dem axiom von der ursprünglichen und vor gott fort- 
dauernden gleichheit aller menschen steckt, und hält 
man diesen grundgedanken des Christentums mit un- 
recht für ein zeichen persönlich vornehmen empfindens, 
so hat man andererseits eine bekannte stelle bei 
Thomasin viel zu scharf, und widerum vom modernen 
Standpunkte aus verurteilt, v. 11269 bis etwa 113 10 
spricht der Welsche gast im allgemeinen über die 
ketzer: das scheinen ihm leute, die nur zum bösen 
raten; tausend habe er gesehen, aber keinen, der 
pflichtgemäss gesprochen habe, darum sei alles 
streiten mit ihnen unnütz, und er bestimmt den begriff 
der ketzermoral v. 11 293: ir sult wizzen sicherltchen 
daz der lebet ketzerltcheriy der da wert mit widerstrif 
stne bösheit zaller ztt tmd den allez daz dunket guot 



— 51 — 

daz er aller gernest tuot, allen lüsten hängt somit der 
ketzer nach und achtet auf keine pflicht. das ist die auf- 
fassung, aus der im mittelalter die bedeutung 5^ wider- 
natürlicher Verbrecher, sodomit«, für das wort ketzer 
sich entwickeln konnte, vgl. Hildebrand im DWtB. 
5, 639 f. dann stehen 12883 ff. die verse, in 
denen Thomasin die Lombardei glücklich preisen 
möchte, wenn sie den herzog von Osterreich zum 
herm hätte, der sich darauf versteht die ketzer zu 
sieden: >er hat damit dem teufel ein schönes gericht 
bereitet, denn dieser braucht sich an den gesottenen 
und gebratenen ketzern nicht die zahne zu zerbrechen«, 
der witz dieser verse ist gewiss nicht sehr geschmack- 
voll, er ist grotesk und barbarisch, wie vieles am 
humor des mittelalters ; aber er darf nicht als ein 
zeichen abnormer roheit angesehen und zum nach- 
teile Thomasins mit den äusserungen Walthers und 
Wolframs über Juden und beiden verglichen werden, 
bei Walther kommen ketzer nicht vor und auch 
Wolfram hat sich nicht über sie geäussert; wir 
wissen also nicht, wie diese beiden männer über 
ketzerei gedacht haben, gewiss aber haben wir, so 
lange kein zeugniss dawider spricht, auch keine Ur- 
sache, anzunehmen, ihre meinung habe sich von der 
allgemeinen ihrer zeit über ketzer sonderlich unter- 
schieden, und diese legt Thomasin v. 12647 — 12682 
sehr klar aus einander: »wie kommt es, fragt er, dass 
es jetzt so viele ketzer gibt?« weil sie das geistliche 
gericht nicht fürchten ; darum sollte man sie vor das 
weltliche rufen, wenn nun jemand, der sich nicht 

4* 



— 52 — 

auf das recht versteht, etwa sagen wollte : >man dart 
niemanden zwingen zum rechten glauben ; wir lassen 
doch auch die Juden leben, trotzdem sie nicht Christen 
werden wollen,« so will ich ihm darauf die passende 
antwort erteilen : wollte mein eigener söhn nicht nach 
meinem willen leben, wie es seine pflicht ist, dann 
würde ich ihn gewiss tadeln und züchtigen, wäre es 
aber dein söhn, der nicht gemäss seiner pflicht lebte, 
dann befasste ich mich nicht damit, ihn zu strafen; 
das wäre deine sache. so handelt die kirche: sie 
zwingt ihre kinder und überlässt die fremden ihren 
Vätern* weshalb sollte sie den Juden zwang antun, 
sie gehen sie ja nichts an. die ketzer hingegen waren 
ihre kinder, und über sie hat sie gewalt. ist der 
mensch einmal getauft, dann gehört er fortan zur 
kirche, und wijl er darnach sich von ihr trennen, 
dann muss man ihn zum rechten zwingen, und das 
fällt dem weltlichen gerichte zu, sofern das geistliche 
nichts hilft. € — das veranlasst dann Thomasin, den 
herzog von Österreich zu loben, der mit weltlichem 
arm das geistliche gericht unterstützt, denn (v.12691 fF.) 
diese beiden mächte müssen einander helfen, sonst 
fallt überhaupt alles recht zu boden. — und nun ver- 
gleiche man mit dieser erörterung die verse über 
die ketzer bei Freidank 25, 13 — 26, 23 (und W. Grimm3 
einl, s. LXV fF.) und überzeuge sich, dass die Sprüche 
dieser Sammlung, die einen Spiegel der öffentlichen 
meinung des mittelalters darstellt, durchaus mit 
Thomasins auffassung übereinstimmen, aber es bedarf 
dessen und all der sonstigen Zeugnisse nicht: der 



— 53 — 

kenner weiss, dass die menschen wirklich so dachten, 
die während des mittelalters zur christlichen kirche 
sich bekannten, und es ergibt sich daraus widerum, 
dass man sich in acht nehmen sollte, moderne Vor- 
stellungen zum massstabe des urteils über die alte 
zeit zu nehmen, seit der kirchenspaltung gibt es eine 
weitverbreitete auffassung, der gemäss die ketzer des 
mittelalters (und was gibt es darunter für sonderbare 
sekten!) als Vorläufer der Protestanten erscheinen; 
Arnolds kirchen- und ketzerhistorie bildet ihren 
klassischen ausdruck. sie werden als kämpfer für die 
religiöse freiheit angesehen und gepriesen, wer jedoch 
wirklich und ehrlich historisch verstehen will, der 
darf über mittelalterliche ketzer — soweit es auf 
diesen Zusammenhang hier ankommt — überhaupt 
keinerlei Werturteil fällen, sondern sich nur bemühen, 
das mittelalter aus dem mittelalter zu begreifen. 

Ich komme nach dieser abschweifung darauf zu- 
rück, dass Thomasins Welscher gast ein stück adeliger 
Standespoesie vorstellt, das lässt sich unschwer bewei- 
sen, mit seinen ermahnungen wendet sich der dichter 
stets zuerst an die ritter, dann an die pfaffen (typisch 
6325. 6371). er geht von dem höchsten begriff des 
adels aus, der alle sittliche Vollkommenheit mit dem 
Vorzüge der geburt vereinen muss (z. b. 3855. 3881. 
4401. 5961). die einzelnen geistlichen tngenden be- 
greift er nur im gesichtswinkel des adels, so die 
herrentngaid der müte^ dexca ausübung das lO. buch 
schildert naturliche pflicht der ritter und füiBten 
ist es, die (geistlich gefasste) gelebrsamkeit zxl 



— 54 — 

fördern, und zwar sollten sowol die weltlichen herren 
als auch die bischöfe alle jene unterstützen, welche 
gemäss gaben und neigung gerne studieren möchten, 
es aber aus mangel an mittein nicht können (6505 fF.). 
besonders legt er dies den bischöfen ans herz, denen 
es sonst leicht an den notwendigen predigem fehlen 
dürfte (6521 fF.). wenn aber die studierten leute von 
der schule gekommen sind, dann sollten sie an den 
höfen geehrt und an die richtigen stellen gebracht 
werden (6581 ff); dass es so häufig nicht geschieht, 
liegt an den herren, die mehr auf geld als auf ehre 
geben, die adelige gesellschaft kennt Thomasin auf 
das genaueste (vgl. z. b. 13689 über den vortritt 
der ehrenfräulein vor der herrin), ihr war seine erste 
Schrift gewidmet, die laster und fehler ihrer jugend 
sucht seine lehre abzustellen 297. 363. 377. 527. 581 
u, s. w., wo immer einzig und allein die lebensgewohn- 
heiten des adels vorausgesetzt werden (z. b. die 
weise zu schenken 14589, die ganz unserem moder- 
nen gefühl entspricht), darum ist er auch im tumier- 
wesen wol erfahren 3647. 3831, versteht sich auch 
auf jagd und falken 3247. 7970, weiss wie man zielt 
und schiesst 9953 (herstellung des giftpfeiles 12523) 
und hat ein sachliches urteil in militärischen dingen 
6653. es ist ihm bekannt, wie die heiraten in adels- 
kreisen zustande kommen 3461, wie man sich beim 
tode eines freundes benimmt 5547, wie es witwer 
und witwe zu halten haben 5605, und dass die prunk- 
vollen grabmäler der herren oftmals für ungerechte 
aufgestellt werden 5493. die obersten ritterpfiichtea 



— 55 — 

empfiehlt er eindringlich 7801, 7831; die der geist- 
lichen 7821, sehr bezeichnend sind die klugen lehren,, 
mit denen er den adel beim verkehre mit freien und 
eigenen leuten anweist 7857. 7979. adel und volk 
können einander nicht entbehren, darum muss der 
adel das volk gut behandeln 3070. 3083. 3I43, vgl. 
Alanus, Lib. paraboL, Migne 210, 582: stultus, qui 
puppem sine remige ducit in altum; et sine subsidio, 
qui grave sumit onus (das wort volc wird aus dem, 
Sprachgefühle des Italieners heraus angewendet) ; aber 
gerade an diesen stellen zeigt sich auf das allerdeut^ 
lichste, dass Thomasin im sinne des adels urteilt, der 
von oben herab das volk da unten mit seinen spen« 
den beglückt, durchaus rittermässig ist die art, wie 
Thomasin aus guter kenntniss, erworben im verkehre 
mit den benachbarten Venetianem, über die Wucherer 
urteilt 2109. 7023. 71 Ol. 8143 (wechsler 81 19, zins* 
bücher 8691, Währung 2684). auch ein edelmann 
kann gelegentlich im get^ngniss schmachten, das 
muss er eben als prüfung geduldig ertragen 5349. 
eingehend und wolunterrichtet behandelt Thomasin die 
fragen des rechtes (z. b. 4065), und die ausführlichen 
darlegungen über das gerichtswesen 12375 ff. stützen 
sich keineswegs hauptsächlich, wie Rückert in der an- 
merkung meint, auf Isidors Sentenzen, sondern sind 
zum guten teile aus der erfahrung eines tätigen lebens 
geschöpft, darum denkt beim richterkleid 13221 f. 
Thomasin unwillkürlich nur an den Scharlach der 
geistlichen Justiz, der canonici (Du Gange 7, 340). die 
weissen röcklein der aufrührer 12829 f«> welche; 



- 56 — 

Rückert nicht in der bibel findet, hat der autor für 
den israelitischen gottesdienst ans den. chorröcken 
seiner zeit ergänzt, dass er dabei die strenge beson- 
ders empfiehlt 12501. 12575, wird nicht bloss in dem 
System des lehrvortrages begründet sein, sondern in 
seiner persönlichkeit und vielleicht auch in seinem 
amtswirken. 

Damit gelange ich zu einer allgemeinen beob- 
achtung, die sich mir bei wiederholtem Studium des 
Welschen gastes immer bestimmter aufgedrängt hat : 
es stecken viel mehr anspielungen auf die eigenen 
Schicksale des Verfassers und auf die geschichtlichen 
vorkonmmisse seiner zeit in dem Welschen gast, als 
bisher erkannt worden ist. man fühlt es beim lesen, 
wie die adjectiva schärfer und persönlicher werden, 
als die verallgemeinernde didaktische kunst gestattet ; 
wie die prädicatsverba sich mit erzählendem Inhalte 
füllen, und man empfindet deutlich, dass sich hier 
dem dichter die erfahrung seines lebens, das bild 
seiner Umgebung an die stelle der farblosen abstrak- 
tion seiner lehrweisheit schiebt, freilich liegt ein 
weiter abstand zwischen einem solchen gefühl und 
zwischen der möglichkeit, mit unserem kümmerlichen 
materiale (und meiner dürftigen kenntniss) dem autor 
historische anspielungen nachzuweisen, ich kann 
leichter solche stellen aufzeigen, als sie auf bestimmte 
personen und Verhältnisse beziehen, da jedoch bis- 
her überhaupt nur die von Thomasin durch eigen- 
namen gekennzeichneten ereignisse gedeutet worden 
sind, mögen auch solche Vermutungen hier gewagt 



— 57 — 

werden, zumal sie dazu dienen, die Stellung des 
Welschen gastes besser zu würdigen, die für den 
Zusammenhang meiner darlegung wichtig ist. 

Da sind einmal die partien, in denen Thomasin 
die pflichten eines landesherm bespricht, ihn zur 
strengen einhaltung der religiösen geböte, zur Unter- 
stützung der geistlichen gewalten ermahnt, ihn vor 
Übermut warnt und zur guten, gerechten behandlung 
der eigenleute auffordert 6262. 7887, 12965. 14205 
u. s. w. zeigen schon diese und andere abschnitte, dass 
der Verfasser dabei die schwierige läge des patriar- 
chates von Aquileja im äuge hat, die durch den un- 
aufhörlichen konflikt zwischen der halb geistlichen, 
halb weltlichen macht des metropolitans und den 
stets durch gewalttaten unterstützten ansprüchen der 
deutschen ritterschaft, sowie der starken landherren 
im norden entstanden war, so scheinen einzelne leh- 
ren immittelbar die dortigen Verhältnisse zu betreffen, 
so, wenn 13287 von voreiligen drohungen abgemahnt 
wird, denen man nachdruck zu verleihen ausser- 
stande ist; oder, wenn 134 13 betont wird, dass man 
gerüchten und klagen nicht allzuschnell glauben 
schenken solle, dagegen 135 13 die anweisung vor- 
getragen wird, man möge des mit unrecht geschä- 
digten sich annehmen, wenn schon nicht durch ge- 
richtliches eingreifen, wozu man vielleicht gar nicht 
berechtigt ist, so doch durch rat und werktätige 
hilfe. der bischof, dem die verse 6541 flf. vorhalten, 
dass er gelehrte und gebildete priester oder schüler, 
die sich dazu eignen, nicht unterstütze, war dem 



— 58 — 

autor gewiss persönlich bekannt, und der bischof, der 
zugleich die herzogsgewalt inne hat 12849 ^^^ dess- 
halb dazu aufgefordert wird, sein weltliches gericht 
in guter Ordnung zu halten, ist schwerlich jemand 
anders als der patriarch selbst, da doch der einzige 
andere deutsche kirchenfürst in ähnlicher läge, der 
bischof von Würzburg, zu weit abliegt. 

Da wird man sich denn auch nicht verwundem, 
wenn Thomasin die anschauung der Friauler land- 
schaft mit ihrem gemisch von felsburgen, fruchtbarer 
ebene und meeresküste in seinem gedichte verwendet* 
gebirg und meer stellt er 1867 einander entgegen, 
die kontraste zwischen grosser Sommerhitze und winter- 
frost sind 2155 so scharf betont, dass sie etwas von 
ihrer allgemeinen giltigkeit einbüssen, auch das vege- 
tationsbild 2197 hat wol die bestimmte gegend zur 
Voraussetzung, die Verbindung von bürgen und Städten 
entspricht der besonderen läge der festen platze in 
Friaul 2999; die stelle 3200 flf. lehnt sich vielleicht 
an die verse von Horaz, die Rückert angefilhrt hat, 
vielleicht aber auch an die des Alanus, Liber paraboL, 
Migne 210, 584: tutior in terra locus est, qtcam 
turribus altis; qui jacet in terra, non habet unde 
cadat, impetus et venti^ tonitrus et fulmina turres 
flatibtis evertunty stare sed ima sinunt\ dagegen 
mögen die vergleiche 6426. 6465 der gesehenen Wirk- 
lichkeit entnommen sein. 

Thomasin beschreibt ein stück aus seiner (ihm 
noch nicht ferne liegenden 2445) jugend in der hüb- 
schen anspräche, die er seine feder an ihn halten 



— 59 — 

lässt: jetzt, sagt sie, plagst du mich arg bei tag und 
nacht und lässt mich von herren und knechten schreiben; 
früher hast du dich nur in guter gesellschaft bewegt, 
hast mit rittem tumiert und mit frauen den tanz be- 
sehen, damals warst du höfisch, da gieng es mir besser 
bei dir, als nunmehr, wo du zum klausner geworden 
bist, dein tor zusperrst, von rittern und damen nichts 
mehr wissen willst und mich bei nächtlichem lichte 
mehr abmühst als zur zeit, da du auf der schule 
warst. — Thomasin wird also seine jungen tage auch 
genossen haben, später war es dann wol seine be- 
schäftigung in der kanzlei, die ihm den vergleich 
nahe legte, den er 13997 mit der Urkunde und ihrer 
Siegelung weitläuftig vorträgt, dort hat er sich wol 
auch die kenntnisse angeeignet, die ihn befähigen, 
sich so sachverständig wider das unheraldische über-- 
mass in wappenbildem mit zahlreichen beispielen 
auszusprechen, wie er 10425 — 10470 tut. dazu gehört 
gewiss auch die polemik Thomasins 1047 1 — 10512. 
12431 — 12444 wider Walthers lob deswappen kaiser 
Otto IV., die freilich erst in der zeit Friedrich IL, 
da der Welsche gast auftrat, am platze war. und 
einer fast berufsmässigen Vertrautheit mit dem wappen- 
wesen rühmt sich Thomasin 13966: sicherltcheriy 
sähe ich verre in dem lande ein gewcefn daz ich 
erkunde^ ich wände unde sprceche sä, daz der riter 
wcere dä^ ze dem ich diu wäfen hiet gesehen; und 
ntöht sin doch anders geschehen: wan der man 
der si hiete da, der möht si haben anderswä verstöln 
ode sus genomen; ez ist ouch dicke also komen 



— 6o — 

(pseudonjrme wappen). wer so bekannt ist mit den 
Verhältnissen des adels im lande und seiner geschichte, 
dem mag man es auch wol zutrauen, dass er mit 
dem beispielsweise hervorgehobenen schenkenamt, 
das verliehen wird, 2236. 3283 zunächst an Aquileja 
dachte (vgl. oben s. 31). und so wird wol in den 
versen 3416 fif. eine anspielung gefunden werden 
müssen auf die ächtung des Heinrich von Andechs- 
Meran, markgrafen von Istrien und Krain, die 1208, 
sieben jähre vor der abfassung des Welschen gastes, 
stattfand, beide länder, Istrien und Krain, kamen dann 
12 14 durch Vergabung kaiser Friedrich n. an Aquileja, 
doch blieb diese Schenkung vorläufig imvollzogen 
(v. Krones, Handbuch der Gesch. Österr. i, 342). 
3423 fif. beziehen sich gewiss auf kaiser Otto IV., 
von dem man 121 5 nach der schlacht bei Bouvines 
sehr wol sagen konnte, dass er einst die macht eines 
kaisers besessen habe, jetzt aber nicht einmal die 
kraft eines königs; die bezeichnung künec passt nach 
Friedrichs krönung zu Aachen ganz gut für ihn. wie 
genau Thomasin die geschichtlichen Vorgänge in 
Italien kannte, lehrt sein, von Rückert zur genüge 
erklärter abschnitt 2423—2490 (vgl. noch 10569 fif.). 
am nächsten liegt ihm natürlich die Lombardei, wo 
er von Otto IV. zügen weiss 10471 und von den 
ketzern 12683. aber auch die Schicksale des griechi- 
schen kaiserthrones beschäftigten ihn wie andere 
abendländische politiker 10595. 11003. er muss 
historische werke gern und eifrig gelesen haben, das 
sieht man aus 10653 fif., wo er die Chroniken lobt, 



— 6i — 

bedauert, dass er nicht alle genug kennt und des 
könig tadeh, dessen geschichte aus trägheit unge* 
schrieben blieb. 

Die gesinnung, mit der Thomasin diese Interessen 
pflegte, erhellt aus seinem lob der gelehrten Studien 
9181 ff., das übrigens 9192 f. so gefasst ist, dass er 
als geistlicher sich den laien gegenüberstellt, darum 
ist es auch begreiflich, dass er ausser Jurisprudenz 
(seine ansichten über das imperatorentum sind die 
eines im römischen recht herangewachsenen 10990) 
und historie noch sonst allerlei weltkenntniss zeigt: 
etwas von medizin S^^i ^on pflanzenkunde 14087. 
vor allem aber kennt er die epische dichtung und 
gibt daher anleitung den junkem 104 1 und den edel* 
firäulein 773. 1029, welche romane ihnen zurlektüre 
besonders zu empfehlen wären, diese stellen (dazu 6325) 
bedürfen noch sehr eines litterarhistorischen konmien- 
tares, dem Rückerts anmerkungen alles zu tun übrig 
Hessen, hier soll nur erwähnt werden, dass die verse 
I135 ffl: da von ich den danken wil, die uns der 
Sventiure vü in Husche zungen hänt verkeret, keines- 
wegs zu dem Schlüsse zwingen, die vorher aufge- 
zählten romanpersonen seien alle deutschen büchem 
entnommen; es heisst ja hier nur der dventiure vü, 
gewiss wendet sich der Welsche gast ausschliesslich 
an ein deutsches publikum (Rückert s. 530), er hat 
aber auch die deutschen romane, denen die mehrzahl 
der von ihm genannten beiden und heldinnen wahr- 
scheinlich angehört, selbst gelesen, denn es ist falsch 
und durch kein zeugniss begründet, dass Thomasin 



— 62 — 

{Rückert s. 531) »seinem ganzen bildungsgange nach 
.mit der französischen litteratur vertrauter war wie 
mit der deutschen« ; noch falscher freilich, »dass er zu- 
erst als dichter in nordfranzösischer spräche aufge- 
treten sei, wie er selbst sage«, da sein welsch nichts 
anderes bedeutet als »italienisch«, vielleicht lässt sich 
wenigstens mittelbar ein beispiel dafür beibringen, 
dass Thomasin einen deutschen roman aus eigener 
lektüre kannte, in dem wolbekannten und viel nach- 
geahmten (Henricis ausgäbe s. 389) eingange des 
Iwein Hartmanns von Aue heisst es v. 4 ff. : des gtt 
gewisse lere künec Artus der guote, der mit riters 
muote nach lobe künde strtten. er hat bi stnen ziten 
gelebet also schone, daz er der eren kröne dö truoc 
und noch sin name treit, des habent die wärheit 
sine lantliute: si jehent er lebe noch hiute: er hat 
den lop erworben, ist im der lip erstorben, so lebet 
doch iemer sin name. er ist lästerlicher schäme 
iemer vil gar erwert^ der noch nach stnem site vert. 
hier preist Hartmann nicht bloss den könig Artus 
als ein ideal ritterlichen lebens, sondern er empfiehlt 
sogar dessen beispiel auf das dringendste zur nach- 
ahmung: der edelmann ist tadelfrei, der so lebt wie 
er. von einem solchen dichter ausgesprochen war das 
ein weittragender lehrsatz, der Thomasin, seinem 
Standpunkte gemäss, sehr gefahrlich vorkommen musste. 
darum kehrt er sich ganz ausdrücklich wider ihn mit 
den versen 3525 ff.: wan swenn wir haben wol ge- 
preit unsern nam^en mit arbeit^ so hilft uns unser 
name niht^ wan uns ze varen doch geschiht, da die 



- 63 — 

andern hin sint. dem vater varent nach diu kint 
gdtche dl nach ir getcete, nach rehte od nach misse- 
icete: swar in ze varne geschiht, ir name hilft si 
-nihtes niht, seht, Artus was wol erkant und ist ouch 
Mute genuoc genant; nü sage mir, waz hilft in 
daz ? im. täte ein päter noster baz, ob Arttes gots hulde 
haben sol, er enbirt unser s lobes wol\ ist aver er 
in der helle gründe, unser lop märt sine sunde^ 
wan er uns materje git grozer lüge zaller ztt, dar 
umbe so wundert fnich, wä von kumt^ daz sumelich 
gerent vaste in ir muot, daz man jehe si sin guot 
und hövesch unde tugenthaft^ et daz si werden 
namehaft, und er setzt diese polemik, sofern sie gegen 
das streben nach rühm imd die Bedeutung des nach- 
ahmens sich wendet, noch an weiteren stellen fort: 
3683. 3809. 4257. 4437. 

Thomasin kannte auch noch andere deutsche 
dichtungen. Freidanks spruchpoesie war ihm geläu- 
üg, wie man aus Bezzenbergers anmerkungen zu 
seiner ausgäbe lernt (vgl. auch W. Grimm, Kl. Sehr. 
4, 15, f. 106 f.). am besten sind jedesfalls seine äusse- 
rungen bekannt über die papstsprüche Walthers von der 
Vogelweide 11 191 — 11250. sie sind einer näheren 
beachtung nicht imwert, zumal man sie immer nur 
wegen einiger sätze citiert, den Zusammenhang jedoch 
unerwogen gelassen hat. vor allem muss bemerkt 
werden, dass diese eine stelle gegen Walther viel um- 
fangreicher ist, als man gemeinhin annimmt, sie er- 
streckt sich von 11091 bis 11268. nachdem der 
dichter beispiele frevelhaften Übermutes gegen gott 



- 64 - 

aufgezählt und auf die nachfolgende bestrafung hin'» 
gewiesen hat, wendet er sich zu dem meister, den 
uns gott auf erden gesetzt hat, den papst, und wider 
dessen autorität wir uns verfehlen, diesen wolwol* 
lenden plural, bei dem der redner sich selbst ein-» 
schliesst, hält Thomasin gegen Walther eine strecke 
lang fest: 11093. 11157 ff. 11 167. 11 181. der papst 
ist das haupt der Christenheit nach gott, den wir je- 
doch aus hass oder missgimst zu schelten wagen, 
der aber schändet seinen Christenglauben, der im 
übermute das haupt der Christen nicht für einen from- 
men mann halten will 11 100 (vgl. Walther ed. Lach- 
mann 33, 32. 33, II if.). eine so lange zunge (33, 
25) sollte kürzen, wer sie hat. lieber spräche ich 
ohne zunge als so wider gott und ehre, der braucht 
seine zunge übel, der seinen schuldlosen geistlichen 
vater (33, 12) so misshandelt, der verliert dabei noch 
die huld gottes (ein lieblingswort Walthers 8, 16. 20, 
25. 22, 25). wahrhaftig da lebt dieser (v. 11 112 
ein man) mann zehn jähre lang bei mir (doppelsinnig : 
zehnjährige bekanntschaft sichert noch kein urteil; 
Walther aber schilt den papst, ohne ihn einmal ge- 
sehen zu haben — andererseits persönliche spitze) 
— ich weiss nicht einmal, ob er gut oder bös ist — 
und dann (v. 11 114 1. sprichet) sagt er aus Übermut, 
der papst sei ein schlechter mensch (33, 2); da seht 
einmal, wie ich mich zu hüten weiss ! (ich wage so- 
mit die Vermutung, diese stelle bezeuge, dass vor 
121% Walther und Thomasin zehn jähre hindurch 
im gemeinsamen dienste des patriarchen Wolfger von 



- 65 - 

Aquileja [1204 — 121 8] verbracht haben; ein solches 
dienstverhältniss nimmt jetzt auch Burdach für Wal» 
ther an A. D. B. 41, 54). der handelt übel, der so 
tut, das muss ich ihm nun offen sagen! einer, der 
den papst niemals gesehen hat, redet überall herum, 
dass er ihm missfalle (34, 25), und meint dadurch 
im ansehen zu steigen (35, 8); es wird aber erst 
seine torheit dadurch deutlich (11 122, vgl. 11265). 
da sagt er vielleicht: »man hat mir erzählt, ist doch 
die Sache wol bekannt« (wahrscheinlich darauf zu be- 
ziehen, dass Walther 34, 5 angebliche worte des' 
papstes citiert, vgl. 9, 21), indess ist der wahrschein- 
lich nur ein lügner, der ihm ein solches mährlein 
angehängt hat. man soll aber nichts behaupten, was 
man nicht selbst durchweg erfahren hat. nun fügt er 
freihch vielleicht noch hinzu, »ich habe es ja gesehen« 
(den stocf) und darauf antworte ich getrost, dass man 
gar vieles sieht, was man doch nicht recht zu beur- 
teilen versteht, und darauf hin meint der mann, der 
papst handle schlecht; glaubt mir nur, wüsste er 
genauer zuzusehen, es käme ihm viel besser vorl 
ich für mein teil glaube, dass der papst ehrlich beab- 
sichtigt, gut und richtig zu handeln, niemand darf 
denken, dass er mit Überlegung zum teufel fahre 
(33> 2) ; denn seine recht und gut verstandene pflicht 
ist es, uns aus den klauen des teufeis zu erretten, 
so klug ist auch der papst, dass er nicht mit absieht 
(33, II f.) sich um die ewige Seligkeit bringt; das 
versteht er doch besser. — nun mag es ja sein, dass 
er bisweilen etwas tut, was er geschickter anfangen 

5 



— 66 — 

könnte; da täuscht er sich wol selbst (33, 18), er ist 
«ben kein gott, sondern ein mensch, ich mache euch 
da nichts vor: auch ihn kann ein irrtum betrügen! 
aber wisst nur, wenn er das ohne böse absieht tut 
so ist seine schuld um so geringer, wir aber (Walther 
wider eingeschlossen), wir wollen dem papst diese 
entschuldigung nicht gönnen, wir wollen, dass er 
allzeit, in welcher läge auch er handeln muss, mit 
bösem trug seines amtes walte, mag er immer sei- 
nem sinne nach recht handeln, wir geben ihm darauf 
böse nachrede, das geschieht also: der papst hatte 
seine prediger zu gimsten des heiligen landes ausge- 
schickt, wo Christus lebte und um unsertwillen litt 
und starb (15, 39. 21. 40); unsere Weisheit redete 
uns ein, das habe er getan, um sich zu bereichem, 
weil der papst aus rücksicht auf die armen befohlen 
hatte, dass man in den kirchen einen opferstock auf- 
stellen sollte, damit, wenn einer zu der kreuzfahrt 
etwas steuern wollte, er es darein legte (34, 20) — 
denn, wisst nur die Wahrheit: es gibt mehr solche, 
die den zug imterstützen, als selbst ausziehen wollen 
— (das war also, wie ihr seht, eine sehr gute ab- 
sieht), da fiel es unserer torheit ein zu glauben (34, 
23), er hätte das des eigenen nutzens halber (34, 10. 
15) imtemommen. da kamen wir uns sehr pfiffig 
vor, dass uns das eingekommen war (34, 6) ; in Wirk- 
lichkeit habe ich diese meinung für blödsinn gehalten, 
denn ich bin dabei gewesen, als man des papstes 
brief öifentlich vorlas, womach sein wille war, dass 
man das geld (34, 10) so lange an dem orte, wo es 



- 67 - 

gesammelt war, aufbehalten sollte, bis man es zum 
dienste gottes (34, 20) brauchte, des papstes böte 
hat den brief vorgelesen (steckte in Walthers stnen 
Walken $4^ 5 eine besondere spitze?) und viele wackere 
männer waren dabei. — nun also, hat sich der guote 
kneht (Burdach A. D. B. 41, 39) nicht ganz gegen 
alles recht benommen, als er hochfahrend sprach 
[nicht: sang], der papst habe mit deutschem geld 
seinen welschen schrein füllen wollen (34, 11)? wenn 
er da noch mich zum berater gehabt hätte (vgl. um ff.), 
er hätte diese worte unterlassen, durch die er viele 
seiner guten sprüche (rede wie 11 241. 11252) um 
ihren wert gebracht hat, so dass man ihrer jetzt 
weniger achtet. — herren (von denen also Walther 
unterschieden wird), dichter und prediger dürfen nur 
vorsichtig sprechen, wenn ein herr redet oder han- 
delt, so soll er sich nicht übereilen, bevor er nicht 
weiss, wie die sache aufgenommen wird, ein predi- 
ger muss klar und imzweideutig sprechen, damit man 
ihm seine rede nicht übel auslege (33, 19) — ein 
böser geist lehrt das gewöhnlich die leute (34, 24 — 
26) — und ihn gut verstehe, zumal dem dichter ziemt 
es schlecht, als lügner aufzutreten, da doch sowol 
ihm als dem prediger die Wahrheit (besonders die 
göttliche, schriftgemässe 2i, 30) zu stützen obliegt, 
«in solcher mann vermag der Christenheit mit einem 
worte mehr zu schaden (33, 24. 31), als er ihr in 
aller zukunft nützen kann, ich glaube, dass alle seine 
lieder, in kurzen oder langen tönen (18, 12 imdWil- 
manns' anm.), gott nicht so gut gefallen haben, wie 

5* 



— 68 — 

ihm das eine missfallen wird, denn damit liat er 
tausende von menschen so betäabt, dass sie gottes 
und des papstes gebot nicht vernahmen, zu uns men- 
schen auf erden kommen boten und botschaften so- 
wol vom himmel als aus der hölle. wohin an diesen 
orten wir uns begeben wollen (33, 35), da nimmt 
man uns gut auf, wie es sich gehört, nun sage mir 
einmal, mein lieber fretmd (Walther), glaubst du denn, 
dass all dein geld, das du während deines lebens 
erworben hast, so viel des almosens beträgt als das, 
mn welches du jetzt binnen kurzer zeit die leute weit 
und breit in der weit gebracht hast (33, 12)? bist 
du so verständig, als ich von dir glaube, so musst 
du dich darüber sehr schämen. — wahrhaftig, er tut 
mir leid, denn er hat klugen sinn und feine sitte in 
vielen guten Sprüchen dargetan, freilich, gerade dess- 
halb steht seine sache noch schlechter: denn wenn 
ein alberner/ mensch ungeschickt redet, so achtet man 
wenig oder gar nicht darauf; anders widerfahrt es 
dem weisen manne, denn man lauscht seinen worten. 
darum muss er sich aber auch mit seiner rede in 
acht nehmen, damit es nicht heisse, er sei jetzt ver- 
rückt geworden. — nun will ich ja zugeben, dass 
man in Wirklichkeit nicht so über ihn (Walther) redet 
und dass seine sprüche besser gefallen, als ich hier 
gesagt habe; aber er muss doch fürchten, dass er 
ein böses beispiel gibt (34, 31). denn immer glaubt 
man das schlimme leichter als das gute ; wer es aber 
ausgestreut hat, der muss mit seinem seelenheile da- 
für büssen. das gute (der stoc) lässt sich allemale 



- 69 - 

leicht mit geringem witz zum schlimmen verkehren; 
das üble kann man nicht so rasch umdrehen, weil 
man es selbst ungern aufgibt, denn nur was uns all- 
zeit widerstrebt, das schafft man uns bald aus dem 
sinn. . ihr wisst ja, ein törichter mann, der keinen 
guten rat weiss, gibt er einen bösen, so finden sich 
schnell gar viele, die ihm nachfolgen. — 

Habe ich diese lange stelle richtig aufgefasst 
und übersetzt, so waren die beziehungen zwischen 
Walther und Thomasin doch viel enger, als man 
meines wissens bisher angenommen hat. es muiss 
zeitweilig beide männer eine wirkliche freundschaft 
verbunden haben, Thomasins ausdrücke sind sehr 
bestimmt imd farbig, und ein längerer aufenthalt 
Walthers im Süden, in Aquileja selbst, und in Friaul, 
ist nun mit grosser Wahrscheinlichkeit zu vermuten, 
in wie weit dadurch einzelnheiten in Walthers leben 
imd schaffen sich anders stellen, soll hier nicht er- 
örtert werden, dagegen will ich noch einige sätze 
des Welschen gastes erwähnen, die sich vielleicht 
auf Walthers gedichte beziehen, vielleicht nur auf 
gemeinsame anschauungen zurückführen lassen, die 
verse 1855 ff. : unstcetekeit verkeret snelle daz Vierecke 
an daz sinewelle; daz sinewelle st niht vertat, wan 
ez haz an vier ecken stät spielen entweder auf Walther 
79> 33 ff« ^"> odöJ* sind gleichfalls an Horaz gelehnt, 
ygl. Zs. f. d. a. 39, 353. v. 7769 gedenket^ riter, an 
iuwern orden, erinnert stark an Walther 125, i. sehr 
seltsam nimmt sich die stelle 8438 — 8449 ^^ß* sie 
erinnert so lebhaft an einige von Walthers Sprüchen, 



— 70 — 

auch gerade an solche, die Thomasin befehdet, dass 
man den eindruck gewinnt: der Welsche gast und 
Walther müssen doch sehr weit in ihrer auffassung 
des lebens übereingestimmt haben, und vielleicht nur 
in bezug auf das praktische verhalten gegenüber 
papst und hierarchie von einander abgewichen sein, 
man lese: wie sule wir also genesen od wie solz 
stin umb unser leben, wan die uns solden geben 
erzeni^ die sint ersieht (Walther 6, 31)? die uns 
solden tragen daz lieht vor, die gint gerne bi der 
vinster (7, 11). diu zeswe hant ist worden winster 
(vgl. mein buch Über Hartmann v. Aue s. 335 f.). 
diu lember sint ze wolven worden (33, 30). unser 
deheinr behalt sinn orden (9, 9) : der phaffe bewist 
niht als er sol, der leie volget niht ze wol, einr ist 
unwtse, der ander tör; einer vellet hindn, der ander 
vor. nientan ir deheinen hebet, ein ieglicher ze valle 
strebet* die phaffen tlent hin zer helle (33, 35); die 
leien die sint alsosnelle unde wellent dringen vür, 
ez ist groz gedranc zer tür. ferner 8655 ff. : die 
phaffen und die leien sint aller meist nu worden 
blint, nach dem guot, wan girescheit hat der be- 
scheidenheit ougen niht (31, 15 ff.), bt unsern ztten 
ir unSre ist gebreitet wtten (10, 25 ff. 22. 11, 16). 
der phaffe solt guot bilde geben (34, 27. 31), so sölt 
der leie nach im leben, sus gät der phaffe am unreht 
vor, der leie blibt niht vorme tor (vgl. v. 8443 ff.), 
der phaffe solt an guotem bild tragen vor den Ersten 
schilt: daz solt sin sin guotiu lere (11, 32), da mit 
er tegelich bekere die übelen: mit dem schilde sol er 



— 71 — 

vor dem vint uns schermen wol, so sol dar näck 

der rtter wert an guoten dingen sin swert gehiderben 

unde amme rehte : er solde durch arme knehte^ durch 

weisen und durch armdu wzp wägen stn guot und 

stnen Itp, daz ist allez nu verkirt: der phaffe wil 

des riters swert (9, 24. 30. 80, 21 und Wilmanns' 

anm.) nuo haben ze stnem sinne, daz er st sterker 

an gewinne, sin sin des genuogt im. niht, da mite 

er abe den Hüten bricht; er wil dar zuo haben ge^ 

walt, daz er also mit manicvalt kerge und sterk 

kom hin zem guot, volgende stnem gireschen mtwts 

der leie dunkt sich ouch niht wert usw, ich bemerke, 

dass mich weder die Verwandtschaft dieser stellen 

mit solchen, an denen Walthers klösencere auftritt 

(9, 37. 10, 33. 34, 33), noch wie Thomasin sich von 

seiner feder einen klösencere nennen lässt 12255. 8. 

123 13 (vgl. Walther 62, 5. 10), und auch nicht die 

chiu^a des Fellacanales, welche die alte eisenstrasse 

nach Friaul absperrt, verleiten können Thomasin für 

diesen vielgesuchten klösencere zu halten ; doch müsste 

ich zugeben, wofern jemand das glaubte, dass seine 

meinung besser begründet wäre als sämmtliche bisher 

aufgestellten ansichten mit einander. — v. 10391 ff. 

tadelt Thomasin die leute, welche berufsmässig 

spass machen, wol auch joculatores, und sagt von 

ihnen: sumeltche hänt einen site und wcenent stn 

volkomen da mite, daz si sich vlizent wie si machen 

die Hute zannen unde lachen: zollen ziten si sint 

gar in und uns unnütz vür war. swenn man wol 

gelachet hat, ist da ieman der sich verstät, der 



— ^2 — 

hat in doch vür einen tören. ir sult wizzen daz 
min ören wendent dicke den aneganc (so schlage 
ich vor) von so getanem vrosche sanc. Rückert fasst 
(s. 588) diesen froschgesang als »tropus für im inhalt 
und form nichtsnutzige poesie«. das mag sein (vgl. 
auch die nachweise im D. W. B. 4, i, 250 fF.), hier aber 
kommt hinzu, dass der lärm von lustigmachem aus- 
geht, die ihr publikum erheitern wollen, und das 
legt die Vermutung nahe, dass auch Walthers be- 
kannte /rö^cAe ineime se (65,21) auf die komischen 
Wirkungen der poesie Neidharts abzielten. — Thomasins 
mahnrede an die deutsche ritterschaft 11347 if. klingt 
in ihrem beginne an Walthers preislied an, später 
an dessen kreuzlieder (77, 23. 78, 16. 14, 38 if.), so 
auch II 763 ff. — V. 12291 ff.: da von hän ich ze 
rucke getan, swaz ich solt anders hän getän^ wan 
ich ez schiere sprechen wil, daz mich verswigen 
fnüejet vil darf ich vielleicht so verstehen, dass meine 
Erklärung von Walther 32, 12 (in meinem Walther- 
buch, 2. aufl. s. 146) dadurch bestätigt wird. 

Ob andere stellen im Welschen gast mit deutschen 
Überlieferungen in bezug gesetzt werden dürfen, ist 
unsicher, die löwenfabeln (10905. 12385. 12955. 
13009. 13261, vgl. auch 14712 usw.) weisen eher 
auf lateinischen Ursprung, die priamelartigen bildungen 
(z. b. 146 12) könnten auf deutsche volkstümliche 
Sprüche zurückgehen, wenn 127 11 Thomasin ein 
gedieht über die Vorzüge von miles oder clericus 
vorschwebte, so wird es wol ein lateinisches gewesen 
isein. die predigtmässige anläge der darstellung von 



— 73 — 

11849 ^^ wird keine bestimmte vorläge nach- 
ahmen. 

Jedesfalls hat Thomasin sein werk nur deutschen 
lesem zugedacht, er spricht v. 87 ff. das deutsche 
land als eine hausherrin an, der er sich als einen 
Welschen gast empfiehlt, der Deutschlands ehre hoch- 
schätzt (aber auch die untreue der Deutschen kennt er 
V. 2491 f.). sie möge nun anhören, was dieser welsche 
mann ihr mit allem fleiss deutsch zu sagen wisse. 
er habe das nicht aus welschen büchern geschöpft, 
obzwar er nicht leugne, dass er fremde Werkstücke 
verwendet habe, nur guten menschen möge sie das 
buch vorweisen, darunter begreift Thomasin, wie wir 
bereits wissen, deutsche adelige. 11347 redet er die 
deutsche ritterschaft ausdrücklich an, 11 731 die 
deutschen fürsteU; endlich in bewusster Steigerung 
11787 könig Friedrich, nachmals kaiser Friedrich IL, 
dem er durch das lob des grossvaters und oheims 
höflich entgegenkommt 11 797. das gespräch des 
dichters mit seiner feder (wie sehr dem autor das 
Schreibwesen geläufig war, zeigt der ausführliche ver- 
gleich 140 13) stellt es gleichfalls als eine sittliche 
pflicht dar, diese tugendlehre zu verfassen, endlich 
erörtert Thomasin 14627, wie die leser beschaffen 
sein sollen, die er sich wünscht: wackere ritter, 
trefifliche damen, gelehrte geistliche (14695) stellt er 
sich unter ihnen am liebsten vor. schlechte leute 
würden das buch wol in den kästen werfen (vgl, 
Ulrich von Liechtenstein ed. Lachm. 48, 24 — 49, 6), 
gute jedoch es wol behandeln, darum solle der 



— 74 — 

Welsche gast sich an einem edlen aste festhalten 
14709. die besten menschen wären auch des buches 
beste leser. 

Jedesfalls hat Thomasins werk ein sehr zahl- 
reiches, in den folgenden Jahrhunderten noch zu- 
nehmendes publikum in Deutschland gefunden (vgl. 
Burdach, Vom Mittelalter zur Reform, s. 1 1 if.), aber 
auch seine engeren Friauler landsleute haben es ge- 
lesen: im jähre 1250 bewahrt der nachlass des abtes 
Jakob von Moggio (Mosach) einen Über teutonictis 
dtctus Waliser gast (v. Zahn, Friaul. stud. s. 348. Zs. 
£ d. altert. 20, 135 f ). gewiss aber ist, dass Thomasin 
trotz aller freundschaft für die Deutschen (dass er 
selbst deutscher abstammung gewesen sei, kann nicht 
mit V. Zahn a. a. o. aus dem taufnamen Bernhard 
seines vaters erschlossen werden) sich durchaus als 
Italiener empfindet, er sagt es mit voller deutlichkeit 
V. 69 f. : wan ich vil gar ein walich bin^ man wirt 
es an miner tiusche in. — und läze gar äne zorny 
swer ane spot min getiht und mtne Husche bezzert 
iht, imd es geht auch aus den stellen seiner einleitung 
hervor, an denen er darlegt, weshalb er sein deutsch 
nicht mit welsch mische (er versteht darunter, vgl. oben 
s. 62, fast immer »italienisch«, sein weitläuftiges werk 
enthält wenig französische worte) und sich wegen 
des mängel seines deutsch entschuldigt: swie wöl ich 
weihische kan, sagt er v. 34. einem deutschen werke 
(dabei denkt er wol an die höfischen epen) schadet 
es nicht, wenn darin welsche (diesmal somit »franzö- 
sische«) Worte vorkommen, daraus können deutsche 



— 75 — 

leser die französischen kunstausdrücke (45) sich an- 
eignen, aber er hielte seine mühe für verloreu, wenn er 
die Deutschen welsch (= italienisch) lehren wollte (47). 
in dieser haltung verharrt das ganze werk. v. 1684 ff. 
lauten: daz seit ich in weihischer zunge, und solt 
ichz entiusche gerechen, ich enmöhtez niht gähs 
gesprechen, v. 2258 citiert ein Sprichwort mit da von 
der Husche man giht, 14087 heisst es vom oleander: 
ez ist ein krüt, des enkan ich nicht genennen tiusche, 
und noch am Schlüsse wird mit Bestimmtheit aus- 
gesprochen : min huoch heizt der weihisch gast, wan 
ich bin an der tiusche gast, in den mangeln der 
spräche, des Versbaues und reimgebrauches prägt es 
sich deutlich aus, dass der Verfasser das deutsche als 
fremder handhabte, es zeugt dafür, dass der Welsche 
gast von der litterarhistorie ganz bei seite geschoben 
wurde, wenn es bis heute (ausser den verstreuten und 
ungenügenden angaben von Rückert) noch keine Zu- 
sammenstellung und Untersuchung darüber gibt (aus 
Thomasins gewöhnung an die italienischen reime auf 
ffexionen und bildungssilben wird sich auch seine 
gleichgiltigkeit gegen den rührenden reim im W. g. 
erklären, die W. Grimm nachgewiesen hat Kl. 
Sehr. 4, 326). auf einen punkt wenigstens will ich 
aufmerksam machen: Thomasin überträgt bisweilen 
italienische phrasen ins deutsche, wo sie nicht passen 
(z. h.far un piede 123 16. 13383). femer bemerkt man 
sehr oft, dass er bei der Übertragung lateinischer 
Worte ins deutsche den begriff mit einspielen lässt, 
den der ausdruck im italienischen hatte : gibt er z. b. 



r- 76 - 

lat. stultiüa (statt mit törheit, tumpheit oder sonst 
wie) durch nerrischett wider, so hat ihn dazu das 
italienische bewogen (vgl. noch W. Grimm, Kl. Sehr. 

2, 457.) 

Das ist ja alles gar nicht zu ver wundem, hat 

doch Thomasin, bevor er sein hauptwerk verfasste, 
eine >hofzucht« in italienischer spräche gedichtet 
(vielleicht war sie della cortesta benannt), jedesfalls 
war es ein Irrtum, aus v. 1552 if. zu schliessen, er 
habe noch ein welsches buch wider die valscheit 
geschrieben, davon ist uns nichts übrig geblieben, 
denn auch Grions zweite Vermutung (Zs. f. d. phil. 2, 
432) er wahrt sich nicht, sobald man die von ihm 
citierte stelle (Jahrbuch für roman. u. engl. litt. 8, 211) 
nachschlägt, wol aber bietet Thomasins erstes buch 
von V. II 63 — 1704 einen fortlaufenden auszug jenes 
gedichtes dar, das höchst bezeichnender weise einer 
dame gewidmet war (1551 ff . : swer stn wil verneinen 
mere, er mac hceren manic lere, die ich wider die 
valscheit in welscher Zungen hän geseit. ich tet ez einer 
vrowen ze ere, diu bat mich der selben lere,) der autor 
übersetzt dabei offenbar absatzwelse-aus einem italieni- 
schen manuscripte und leitet die abschnitte regelmässig 
dMxcYiichlirteQm: 1201. 1221. 1330. 1338. 1392. 1535. 
1561. 1657. 1677. 1699. prüft man den inhalt dieser 
partie genauer, so zeigt sich eine sehr weit gehende 
Vertrautheit mit dem poetischen liebesieben der minne- 
poesie (z. b. 1434. 1657. 1677 und später noch 8021). 
diese kann doch nur zum geringsten teile aus der 
höfischen conversation, sie muss aus der bekanntschaft 



— 77 — 

mit der minnedichtung selbst geschöpft sein, und da 
gestehe ich, dass ich eine deutsche höfische lyrik, 
die um 1200 soweit nach Friaul vorgedrungen und 
dort bei der ritterlichen gesellschaft und am patri- 
archenhofe so mächtig gewesen wäre, mir nicht vor- 
stellen und aus der Überlieferung deutscher minne- 
Sänger nicht belegen kann, wenn ich mich dagegen 
des oben erwähnten Verkehres der Lombarden mit 
den Provenzalen, sowie des einflusses der proven- 
zalischen Jongleurs auf Norditalien entsinne, dann 
scheint mir der Sachverhalt ohne Schwierigkeit er- 
klärbar: aus der lyrik der Provenzalen und ihrer 
lombardischen genossen hat Thomasin von Zirclaria 
seine kenntniss des minnewesens und die minneter- 
minologie bis in ihre feinsten abstufungen gelernt, 
es wäre nun sehr lockend, zu versuchen, ob und wie 
seine anschauungen über minne sich von den im 
deutschen voraufliegenden minnesange kundgegebenen 
unterscheiden ; darauf kann ich hier jedoch nicht ein- 
gehen, nur das eine sei noch erwähnt, dass auch 
Thomasins »hofzucht« in der deutschen dichtung 
seines Zeitraumes keine verwandten besitzt (den 
Winsbeken wird man nicht anführen dürfen), dagegen 
an die provenzalische und norditalienische didaktik 
(Stimming a. a. o. s. 48, Casini s. 11 ff.) sich vor- 
trefflich anschliesst. 

Nach alledem wage ich meiner ansieht gemäss 
nichts mehr, wenn ich behaupte, der »Welsche gast« 
sei als ein litterarhistorisch ungemein wichtiges denk- 
mal aufzufassen, das sowol Friaul als gaststätte 



— 78 — 



deutscher ho^poesie erweise (auch Waltfaer und 
Neidhart waren bis an den Po gekommenX als auch 
in sich selbst die rechte verkörp^ruig eines Zusammen- 
hanges darstelle, der über die Lombardei und Venezien 
her der provenzalischen lyrik den eingang in die 
deutschen Alpenländer erschlossen habe. 



6. 



Soll eine neue Vermutung irgend beachtenswert 
erscheinen, so müssen alte tatsachen durch sie besser 
verständlich werden, so wird denn auch die annähme, 
ausser dem bekannten wege, den der einiiuss der 
romanischen lyrik von Nordfrankreich über Flandern 
und die Rheinlande gezogen sei, habe es noch einen 
südlichen zugang durch Friaul und das Alpengebiet 
nach Österreich gegeben, mit der historischen und 
litterarhistorischen Sachlage verglichen werden müssen. 

Da ist vor allem ein sehr beachtenswerter um- 
stand, der nach der bisherigen auffassung des ganges, 
den die romanischen kultureinwirkungen hauptsäch- 
lich während der ausbildung des rittertums nahmen, fast 
unerklärlich scheint, wenn man jedoch den verkehr mit 
Italien gebührend zu rate zieht, ohne sonderliche 
Schwierigkeiten begriffen werden kann, das ist die 
ungemein vorgeschrittene Stellung, welche die inner- 



— 79 -- 

tJsterreichischen länder, vornehmlich Steiermark, in 
bezug auf die neuerungen der »chevalerie« einnehmen, 
es sei mir gestattet, hier eine frühere abhandlung von 
mir auszuschreiben, die wegen des ortes, wo sie 
erschien (Bettelheims Biographische Blätter 1896, 
2. Band : Über den steirischen minnesänger Ulrich von 
Liechtenstein), sich der kenntniss der fachgenossen ent- 
zogen hat. dort schrieb ich im eingange über die zu- 
stände der Steiermark im 12. und 13. jh. folgendes: 
»ein goldenes blatt im leben der deutschen Steiermark 
war, so weit wir es wissen, die zeit, welche unge- 
fähr durch die jähre 11 50 bis 1250 begrenzt wird, 
freilich vom volke in dem umfassenden sinne unseres 
heutigen Sprachgebrauches haben wir im ganzen nur 
geringe kenntniss: wir wissen, wie das fast überall 
anderwärts auch der fall ist, genauer nur um fürsten, 
adel und klerus, von denen die Urkunden herrühren, 
aus welchen allein wir schöpfen; die breiten scharen 
der hörigen und knechte fliessen für uns in eine 
stumme masse zusammen, innerhalb deren die Wirt- 
schaftsgeschichte mühsam gruppen unterscheidet, die 
nach gewissen eigentümlichkeiten ihres Verhältnisses 
zum boden und seinen besitzem sich sondern, die 
herrschenden sind die Deutschen, vorwiegend Bayern, 
wenige Franken und Sachsen, wol auch etliche vor- 
nehme slavische familien, welche sich durch die vom 
9. jh. ab angenommenen deutschen namen der bestim- 
mung entziehen ; die beherrschten sind zum grösseren 
teile Slaven, zum kleineren eingewanderte Deutsche 
in verschiedenen stufen von pacht und abhängigkeit. 



— 8o — 

mehrere grosse und reich ausgestattete kloster- 
stiftungen gewähren mittelpunkte gelehrter tätigkeit 
und bildung, noch mehr aber einer wolgeordneten 
und zeitweise sogar mustergiltigen gutsverwaltung, 
die so lange bleibt, als der notwendige Übergang 
von der natural- zur geldwirtschaft nicht ihre kraft 
unterbindet und sie in andere bahnen zwingt dieses 
herrenvolk der Deutschen in Steiermark hat aus seinen 
heimatgauen eine fülle volkstümlicher überlief enmgen 
mitgebracht, die hier neue wurzel geschlagen haben : 
den anteil der Steirer an den dichtwerken aus der 
heldensage schlage ich bei weitem höher an, als es 
gemeinhin geschieht, im 12. jh. blüht geistliche poesie, 
von Franken her angeregt, aber den glänz altdeutscher 
litteratur in Steiermark begreift die höfische dichtung 
in sich, lied und erzählung des rittertumes, in denen 
sich das ideal des adels verkörpert, Standespoesie. 

Als die »chevalerie«, dem Süden Frankreichs 
entsprungen, ihren siegeszug durch die germanischen 
und romanischen kulturvölker des mittelalters antrat, 
konnte sie kaum irgendwo günstigere Vorbedingungen 
antreffen als auf steirischem boden. denn hier hatten 
sich die dienstmannen des landesfürsten, denen von 
ihrem herzöge, dem ein grosser teil der Steiermark 
gehörte, grundbesitz gegen festgesetzte leistungen 
übertragen worden war, eine Stellung besonderer art 
errungen, ihre anfangs vollständige abhängigkeit muss 
bald einer gewissen freiheit gewichen sein: der be- 
rühmte Georgenberger vertrag von 11 86, durch den 
der letzte Traungauer, der dem gewissen tode ent- 



— 8i — 

gegen siechende Ottokar IV.> seine Steiermark dem 
Babenberger, herzog Leopold V. von Österreich über- 
gaby zeigt uns, auch ohne die späteren zusätze und 
die erweiternde bestätigung durch kaiser Friedrich IL, 
dass alle erheblicheren Veränderungen in den zustän- 
den des landes, soweit sie vom herzog abhiengen, 
der Zustimmung seiner dienstmannen bedurften, denen 
offenbar ein klarer kreis von rechten durch die Über- 
lieferung bereits gezogen war. imter den mannig- 
fachen gründen, die wir für diese eigenartig vorteil- 
hafte läge der steirischen dienstmannen verantwortlich 
machen dürfen, werden vielleicht die schwäche des 
landesfiirstentumes, die weite entfemung von der 
centralgewalt des deutschen reiches, die aufgaben der 
grenzmark wider die nachbam im osten, die beson- 
dere art der ältesten besiedelung namhaft zu machen 
sein, immerhin, wie sich das auch verhalten haben 
^^> gewiss ist, dass die gesellschaftliche Organi- 
sation des rittertumes hier schon einen halbwegs ge- 
schlossenen stand von besitzenden vorfand, die sich 
imgemein leicht und rasch damit befreundeten und 
das ideal dieses lebens nach romanischem und deut. 
schem muster mit eigenem anteil für sich ausbildeten, 
den dichterischen ausdruck dieses ideales gab zunächst 
der minnesang — .< 

Seit diese zeilen geschrieben waren, hat 1897 
V. Krones seine umfassende geschichte der Verfassung 
und Verwaltung der mark und des herzogtums Steier 
veröffentlicht, die in ihren beiden ersten haupt- 
abschnitten( — s. 234) die entwickelung der Verhältnisse 

6 



— 82 — 

des steirischen grossgrundbesitzes und der landes- 
ministerialen auf das eingehendste dargelegt (der 
Georgenberger vertrag s. 54 — 69); die aus dem 
reichsten materiale geschöpften Schilderungen ftihren 
durchaus zu den ergebnissen der betrachtung, welche 
hier vorgelegt wurden, ich darf hiezu noch die licht- 
vollen auseinandersetzungen anführen, die v. Luschin 
in seiner »Österreichischen Reichsgeschichte« s. 162 £f. 
über die anfange der landstände und über die landes- 
herren in Steiermark vorträgt. 

Zu diesen unmittelbaren historischen Zeugnissen 
für den bestand einer ausgebildeten ritterlichen ge- 
sellschaft in Steiermark während sehr früher zeit, 
treten noch mittelbare, ich berufe mich dabei wider 
zuvörderst auf meine oben citierte darstellung, wo es 
heisst: »ganz unverhältnissmässig rasch, wie das 
ritterliche wesen an sich in seinen neuen formen 
nach diesen entlegenen ländem des Südostens vor- 
gedrimgen ist, so hat auch die höfische poesie, der 
litterarische ausdruck der ganzen sozialen erscheinimg, 
sehr schnell und tief auf die aristokratische gesell- 
schaft der Steiermark gewirkt, gerade weil die adeligen 
grundbesitzer und die ritterlichen dienstmannen hier 
so zu sagen unter sich waren, niemandes rechte 
herrschergewalt über sich, als herren einer breiten 
dienenden masse, waren sie so gefügig für die ein- 
drücke einer auf sie berechneten Standesordnung und 
eines ideales der lebensführung, das sich in der 
höfischen dichtung, in lyrik und epos verkörperte, 
wo sonst erlebt man es als in der Steiermark, dass 



— 83 — 

z. b. einer der vornehmsten edelleute des landes^ als 
er nach Palästina fahrt, um es nach damaligen be- 
griffen Pseudonym (vgl. oben s, 59 f. Thomasin) zu tun, 
sein Wappen in ganz derselben weise abändert, wie 
das in dem soeben erschienenen Parzival Wolframs 
von Eschenbach durch Gahmuret, den vater des beiden, 
bei ähnlichem anlass geschieht? (das wappen der 
Stubenberge war der wolf, wie das Siegel vom 
30. juli 12 10 in V. Siegenfelds »Steirischem uradel«, 
1893, tafel 2 oben ihn aufweist, die änderung vollzog 
Wülfing (I.j von Stubenberg in dem Siegel vom 25. juni 
12 16 — ebendort unten — durchaus gemäss der an- 
gäbe bei Wolfram in Parzival 14, 12 ff. und es wurde 
nun wie dort 14, 27: hermin anker drüf genat, 
guldiniu seil dran gedrcet, vgl. 18, 5 ff. der nach- 
weis stammt von herrn v. Siegenfeld.) so stark greift 
hier die poesie in die Wirklichkeit über, mag sein, 
dass Wolframs persönliche beziehimgen zu Steiermark 
den einfluss seines werkes unterstützt haben, die 
tatsache bleibt für sich höchst merkwürdig, wie ein 
Jahrhundert vorher die namen aus den dichtungen 
der deutschen heldensage von dem adel der Steiermark 
angenommen wurden (vgl. Zs, f. d. a. 20, 192), so 
dringen jetzt die namen der Artusepen in Inner- 
österreich vor, und es gehört bald zum guten ton, 
die söhne Parzival und Feirefiz, Iwein und Wigalois, 
die töchter Sigune oder Laudine zu nennen, hin- 
widenun geht das leben in die dichtung über, wenn 
ein innerösterreichischer epiker (Heinrich von dem 
Türlin in der »Krone«) den beiden seines Artus- 
en 



- 84 - 

romanes wappen verleiht, die seine guten freunde 
auf den benachbarten bürgen wirklich führen, es darf 
darnach nicht wunder nehmen, dass uns verschiedene 
tatsachen sogar eine wirklich einflussreiche Stellung 
Steiermarks in bezug auf ritterliche kultur verbürgen: 
es war im 13, jh. eine art vorland höfischer bildung 
fiir die angrenzenden gebiete, die Steiermark wirkte 
bis auf das deutsche reich selbst zurück, so ist uns 
jüngst dargelegt worden (v. Siegenfeld, Inneröster- 
reichische rosensiegel, sonderabdruck aus der Zs. der 
k. k. heraldischen gesellschaft »Adler« in Wien 1895), 
dass ein eigentümlicher brauch, die wappen zu 
schmücken, indem man ihnen die form von rosen 
gab, in deren rahmen man die heraldischen bilder 
einfügte, oder indem man rosen zwischen diese bilder 
streute, mond und steme als zierden verwendete (vgl. 
Thomasin v. 10425 ff.), dass diese mode im anschluss 
an den zuerst in Südfrankreich vornehmlich gepflegten 
kultus Marias in der Steiermark sich festgesetzt, hier 
entwickelt und von da aus den weiteren weg in ver- 
schiedene deutsche länder angetreten hat.« 

Und nun frage man sich, ob sich diese Ver- 
hältnisse und tatsachen bei der bisher giltigen ansieht, 
dass die romanische chevalerie imd ihre dichtung nur 
vom nordwesten her in Deutschland und Österreich 
eingezogen seien, hinlänglich erklären lassen? müsste 
da nicht der deutsche Südosten das land sein, in 
welchem die fremden einflüsse und anregungen am 
allerspätesten gewirkt hätten? müssten sie da nicht 
erst zu der zeit sichtbar werden, wo sie Norddeutsch- 



— 85 — 

land durchwandert, in Pommern, auf Rügen, in 
Dänemark sich geltend gemacht haben? das ist aber, 
wie man sieht, nicht der fall: ich denke, das weist 
alles von selbst auf den weg, den ich anzunehmen 
vorschlage. 

Dazu stimmt es sehr wol, wenn die grOssten 
höfischen dichter Deutschlands es auf der höhe ihres 
Wirkens für sich gewinnreich gefunden haben, in der 
Steiermark zu verweilen, dass Wolfram von Eschen- 
bach die Steiermark persönlich kannte, ist aus seinen 
angaben über steirische örtlichkeiten unschwer zu 
erschliessen : Gandtne (Zs. f. d. a. ii, 46 ff. 28, 136 ff.), 
Zilje^ Röhaz zeugen dafür, am meisten aber die 
Grejana, Grajena, ein winziges bächlein, das in die 
Drau fällt (Parzival 498, 30 f.) und das, wie mir 
herr v. Siegenfeld sagt und die generalstabskarte be- 
stätigt, niemand nennen würde, der nicht die gegend 
sehr genau kennt ; deutsche Steiermärker wissen heute 
nichts von diesem wässerchen. die anderen wichtigeren 
urkundlichen Zeugnisse über Wolframs beziehungen 
zum steirischen adel wird herr v. Siegenfeld ver- 
öffentlichen, dass Walther an die Mur gekommen war, 
sagt er uns selbst (Lachm. 31, 13) und es wäre aus 
dem oben (s. 63 ff.) angegebenen zu folgern, auch 
Neidhart von Reuental spricht über seine fahrten nach 
Steiermark (besonders 102, 32 ff, ed. Haupt; vgl. 
meinen Walther von der Vogel weide, 2.aufl. s. 133) und 
schimpft über das land : wesshalb, wissen wir nicht recht. 

Die eifrige pflege des minnesanges in der Steier- 
mark und in Kärnten während der ersten dezennien 



— 86 — 

des 13. jlis. ist somit bewiesen, einen Heinrich joculator 
finden wir allerdings schon in einer Urkunde als letzten 
zeugen, durch welche markgraf Ottokar V. von 
Steiermark am 22. februar 1147 zu Graz dem kloster 
Set. Lambrecht eine kirche überträgt (v. Zahn, Steir. 
Urkundenb. i, 266; v. Krones hätte Verf. u. verw. s. 
87 diesen mann nicht zum »hofharren« machen sollen); 
andere cantores der steirischen Urkunden hat v. Zahn 
mit recht für klösterliche Würdenträger erklärt 2, 
295 f. 398. 391. 415), vielleicht wäre nur einer noch 
(i, 450 vom jähre 11 64) Leo cantor als weltlicher 
Sänger zuzulassen, die späten, »kleinen inneröster- 
reichischen minnesinger«, deren lieder Kummer heraus- 
gegeben hat (Wien 1880), sind hier gar nicht mehr 
zu erwähnen, dagegen trifft bekanntermassen Ulrich 
von Liechtenstein auf seiner Venusfahrt am 3. mai 1227 
herrn Zachäus von Himmelberg, einen Kärntner 
(Zs. f. d. phil. 28, 213), der ihm feind ist, den er aber 
trotzdem rühmt als von stni gesange wit erkant 
(ed. Lachm. 199, 12). und noch ein anderer wird hierher 
gehören, Otacker von Wolkenstein, der am 13. mai 
1224 beim turnier zu Friesach tjostierte, von ihm 
sagt Ulrich (92, 16): stn ntunt ie wol von vrowen 
sprach (Zs. f. d. phil. 28, 206). der dritte einheimische 
minnesänger, den Ulrich nennt, der von Totzenbach, 
stammt aus Niederösterreich (Zs. f. d. phil. 28, 
205). diese männer, die durch die pflege des minne- 
sanges in Innerösterreich während der zwanziger- 
jahre des 13. jhs. bekannt waren, müssen doch 
ziemlich frühzeitig ihre kunst erlernt haben, das 



— 87 — 

wird nicht immer am hofe der Babenberger geschehen 
sein. 

Bei dem wichtigsten der steirischen dichter der zeit, 
bei Ulrich von Liechtenstein, ist das gewiss nicht der 
fall, wie wir von ihm erfahren (ed. Lachmann 8, 
1 5 ff.), hat er die höfische ausbildung bei dem mark- 
grafen Heinrich von Istrien genossen, während der 
jähre 1215 — 1219. die Schwierigkeiten, welche noch 
V. Karajan (a. a. o. s. 665) wegen der persönlichkeit 
dieses fiirsten erwog, sind jetzt nicht mehr vorhanden, 
seitdem wir wissen (vgl. oben s. 60), dass das ächtungs- 
dekret, sowie die Schenkung seiner länder an den 
Patriarchen von Aquileja nicht wirklich vollzogen 
worden sind, an diesem, doch gutenteils italienischen 
hofe, hat Ulrich gelernt (9, 17); an prieven tihten 
süeziu wort und zierliche conversation {er lirt mich 
sprechen wider diu wtp 9, 15; dagegen wird mit 
den versen 9, 19 f.: ez Huret junges mannes Izp, der 
suoze sprichet wider diu wtp wol die höfische kunst 
gemeint sein, man konnte also in Istrien zwischen 
12 10 — 20 deutschen minnesang erlernen und der hof 
des markgrafen muss wol dafür bekannt gewesen sein, 
dass der Liechtensteiner späterhin mit dem italienischen 
wol vertraut war, ist aus verschiedenen seiner angaben 
bestimmt zu erschliessen. als er zu Bozen (1225) an 
dem zerstossenen finger krank liegt, sendet ihm eine 
dame vier büchlein mit der bemerkung : ez st guot 
ritters site, die gerne haaren hi ir tagen singen lesen 
unde sagen waz hie vor die biderben man durch 
werde vrowen habent getan (112, 8). dass diese buch- 



— 88 — 

lein deutsch waren, wird man, da es anders nicht 
gesagt wird, ohneweiters annehmen dürfen, der In- 
halt bleibt unbestimmt, er kann nach der angäbe 
episch gewesen sein (büecheltn als abteilungen der 
hs. eines romanes?), aber auch lyrisch, der böte 
kommt am nächsten tage noch einmal und berichtet 
(ii2, 31): tu hat mtn vrowe her gesant bi mir ein 
wts diu unbekant ist in tiutschen landen gar (daz 
sült gelouhen ir für war), da sult ir ir tiutsch sin- 
gen in: des bitet si der bot ich bin. Ulrich erzählt 
darauf: die wtse ich lernte an der stat und sanc 
drin reht als si mich bat — . nu hceret: diu liet 
sprechent so, und das nun folgende gedieht nennt er 
ein sincwtse. dann heisst es 114, 17: der bot niht 
langer da beleip. zehant dö man diu liet geschreip, 
do beleip er niht langer da^ er fuort si stner vrouwen 
sä. dö sis gelas, diu wol gemuot, si sprach also: 
>diu liet sint guot — «. es ist wol nicht zu bezwei- 
feln, dass die dame nur die aufzeichnimg einer 
(italienischen) melodie an Ulrich geschickt hat und 
dass hier nicht an die Übersetzung eines italienischen 
liedes ins deutsche, sondern bloss an die abfassung 
eines deutschen textes zu der melodie gedacht werden 
kann. Burdach meint, Reinmar und Walther s. 1 76, Ulrich 
habe sich die weise vorsingen lassen und so aus- 
wendig gelernt, das steht nicht da und es wäre nicht un- 
möglich, dass Ulrich die notenschrift kannte : die kunst, 
welche er beim markgrafen von Istrien gelernt hatte 
(9, 17: an prieven tihten süeziu wort)y könnte darin 
bestanden haben, zumal doch die bedeutung des aus- 



- 89 - 

druckes an prieven nicht völlig sicher gestellt ist 
(Burdach übersetzt a. a. o. s. 163 die zeile: »liebes- 
gedichte verfassen, die schriftlich aufgezeichnet werden 
können), jedesfalls bietet die stelle ein unverwerf- 
liches zeugniss dafür, dass die melodien den vorrang 
vor den texten besassen, für sich wandern und be- 
nutzt werden konnten: das wird bestätigt durch Ulrichs 
urteil über sein meisterlied (97, 9. 98, 24) : diu wise 
ist niliwe und hochgemtwt, diu wort sint siieze und 
dar zuo war; 321, 13 sendet er der herrin liet^ und 
lässt ihr sagen : ir sult si lesen, si sint guoty worauf 
sie den brief in die band nimmt (der also auch die 
aufzeichnung der melodie enthielt!) und liest: mit 
guoter Schrift wis unde wort — sie muss also wie 
jene dame in Bozen sich gleichfalls auf die noten- 
schrift verstanden haben. 

Können wir somit aus dieser stelle nicht auf 
Ulrich von Liechtensteins kenntniss der italienischen 
spräche schliessen, so doch wol aus anderen: wenn 
er als junger mann in Istrien reiste und in Triest 
beim grafen von Görz an einem tumiere teilnahm, 
so wird er wahrscheinlich italienisch gekonnt haben, 
die wirkliche fahrt nach Rom 129, 29, der aufenthalt 
von zwei monaten 1226 dort 130, 15, ebenso die 
angebliche 157, 8. 160, 15 setzen das voraus, noch 
mehr natürlich die zurüstungen der Venusfahrt, die 
alle 1227 in Venedig getroffen werden 160, 17. für 
einen mann, dessen gemahlin aus einem vornehmen 
geschlechte Friauls stammte, war Venedig natürlich 
die nächste grosse kaufstadt, zumal der ausgang der 



— 90 — 

Venusfahrt von lombardischem boden es auch am 
bequemsten erscheinen Hess, die ausstattung in Venedig 
zu besorgen, dieser sonst rätselhafte beginn der fahrt 
zu Mestre, so dass also die lombardischen und friulaner 
ritter zimächst daran kommen, ist durch den fund herm 
von Siegenfelds vollkommen aufgeklärt (vgl. meinen 
aufsatz Biog. Blätter 2. Band), womach Ulrich mit 
Perchta von Weissenstein vermählt war (1226? vgl. 
Zs. f. d. phil. 28, 210)^ die mütterlicherseits von den 
Ragognas abstammte (über diese grosse familie vgl. 
V. Zahn, Friaul. stud. s. 313). dadurch wird Ulrichs 
kenntniss des italienischen noch wahrscheinlicher, 
ebenso durch die Verhandlungen mit dem podestä von 
Treviso (167, 2 ff.), obgleich die namen der itali^ii- 
sehen ritter nicht genannt werden (Zs. f. d. phil. 28, 
212), welche mit den deutschen Speere verstechen. 
Ulrich von Liechtensteins politische Stellung und aus- 
gedehntes wirken (vgl. Biogr. Blätter 2. Band) lassen 
gleichfalls Vertrautheit mit der italienischen spräche 
als wahrscheinlich annehmen (der verkehr von Inner- 
österreich nach Görz imd Istrien vollzog sich über 
die fahrbare Strasse von Aquileja nach Laibach, vgl. 
den aufsatz »die Alpenstrasse im altertum«. Beil. d. 
Allg. Ztg. 1898 n. 123). er ist somit, alles in allem 
genommen, durchaus eine persönlichkeit, deren poesie 
und lebensgang den engen verkehr zwischen Ober- 
italien, Friaul, dem Küstenlande und Innerösterreich 
schlagend bezeugt. 

Und noch ein weiteres : die österreichischen l3niker, 
die poeten des Donautales, sind die ältesten unter 



— 91 — 

allen deutschen minnesängem, ja Heinrich von Melk 
bezeugt troutliet unter den rittem Österreichs für 
die zeit von 1160 — 11 70. was uns davon überliefert 
ist, steht bereits unter romanischem einfluss; sollte 
dieser so rasch den weg vom äussersten westen nach 
dem äussersten osten hin gefunden haben, oder be- 
greift er sich nicht leichter, sofern er die Strasse von 
Süden her einschlug? — 

Was ich bisher vorbrachte über den gang der 
einwirkung provenzalischer lyrik durch die Lombardei 
und Friaul nach Innerösterreich und endlich in das 
Donauland, gebe ich durchaus nicht für einen beweis 
aus. ich hege eine gewisse scheu vor diesem worte, 
das heute ein geläufiger kunstausdruck ist, denn ich 
denke — nach einem vierteljahrhundert selbständiger 
wissenschaftlicher arbeit — sehr gering von der 
fähigkeit der philologie, irgend etwas im strengen 
sinne des wortes zu »beweisen«, ich glaube, wir 
täuschen uns in der freude des erfolges sehr oft selbst 
über die Sicherheit unserer ergebnisse und halten 
einen mehr oder weniger hohen grad von Wahr- 
scheinlichkeit für eine gewissheit, die wir dann allzu- 
geme als tatsache in weiteren geflechten von combi- 
nationen verwerten, dabei versäumen wir, die indi- 
vidualität des forschers, den durchschnitt von tempe- 
rament, begabung und kenntniss, der sich mit dem 
material zur philologischen arbeit verbindet, gebührend 
einzuschätzen; und doch ist es dieser stets wech- 
selnde factor, der allein in der geschichte unserer 
Wissenschaft den fortschritt ermöglicht, indem er 



— 92 — 

immer wider mit besseren mittein ausgestattet die- 
selben Probleme angreift. 

Doch nicht darauf will ich verweisen, sondern 
nur die fachgenossen aufmerksam machen, dass ich 
für meine Vermutung erstens die möglichkeit, zweitens 
eine gewisse Wahrscheinlichkeit, drittens aber keine 
Sicherheit beanspruche. 



7. 



Ist die abhängigkeit des deutschen minnesanges 
von dem der Provenzalen und Franzosen ein kardinal- 
satz unserer litterarhistorie, so sind doch die ansichten 
über den umfang, die stärke und art des Verhältnisses 
sehr verschieden. Bodmer, der erste (nach Diez, 
Poesie der Troubadours^ s. 233), der diese abhängig- 
keit erkannte, stellt sich den einfluss insbesondere 
der Provenzalen auf die altdeutsche lyrik so bedeu- 
tend vor, dass er den Ursprung der > schwäbischen c 
poesie geradezu in der provenzalischen sucht, in den 
»Neuen critischen briefen« (Seuffert legt mir die rare 
ausgäbe von 1749 ^^^ ^®^ tisch) widmet er den 10. 
bisi4.s. 58 — 98 diesen fragen; er nennt schon s. 63 
Thomasin als einen welsch-deutschen poeten, macht 
s. 63. 81. 98 aufmerksam, dass die Italiener ihre 
lyrik von den Provenzalen gelernt haben, bringt 



— 93 — 

s. 95 ff* ^^s erste beispiel deutscher nachbildung pro- 
venzalischer Strophen (Folquet von Marseille und 
graf Rudolf von Neuenburg) und nennt dort schlecht- 
weg die poesie der Provence die quelle des deutschen 
minnesanges. ich glaube, dass man heute im allge- 
meinen geneigt ist, der künstlerischen entwickelung, 
welche die romanische lyrik in dem deutschen minne- 
sange gefunden hat, eine grössere Selbständigkeit ein- 
zuräumen, und darin wird man recht haben. 

Doch nicht darum handelt es sich hier, vielmehr 
soll erwogen werden, in welchem betrachte der deutsche 
minnesang von seiner romanischen grundlage aus 
sich eigentümlich entfaltet hat, welche unterschiede 
zwischen seinem Charakter und dem seiner Vorgänger 
deutlich hervortreten, es sei mir gestattet, dabei 
wider auf eine etwas abseits vom wege veröfifentlichte 
arbeit von mir zurückzugreifen, den aufeatz »Über 
den biographischen gehalt des altdeutschen minne- 
sanges«, Bettelheims Biographische Blätter 1895» i 
s. 39 — 52. dort habe ich zunächst versucht, mir die 
entstehung der provenzalischen l3arik aus den histo- 
rischen Verhältnissen verständlich zu machen und 
ihre besonderen ziXge herauszustellen, es ergab sich 
als wichtigstes die der frau als solcher in der poesie 
dargebrachte huldigimg. dass darin wirklich das 
charakteristische der poesie der troubadours liegt, hat 
Gröber entscheidend bestätigt, der (a. a. o. s. 699) fest- 
stellt: indem die französische lyrik das conventioneile 
von der provenzalischen übernommen habe, sei in 
ihr auch die frauenhtddigung aufgetreten, die es vor- 



— 94 — 

her dort nicht gegeben habe, ganz in demselben 
Verhältnisse stehen die Deutschen zu den Provenzalen : 
auch die älteste deutsche höfische lyrik überkommt 
von der provenzalischen die frauenhuldigung und mit 
ihr einen ganzen kreis von motiven (Stimming a. a. o. 
s. 30 flf.), der zuvörderst einfach entlehnt wird, wie 
wir bei der ersten generation der deutschen sänger 
leicht ersehen können, nebenbei bemerkt: das von 
den meistern Lachmann und Haupt veranstaltete 
Sammelwerk >Minnesangs Frühling« nimmt jetzt all- 
mälig eine zu weitgehende und von den herausgebem 
ursprüngUch sicher nicht gewünschte autorität in 
anspruch; wer irgend über den älteren minnesang 
arbeitet, begnügt sich damit, dieses buch zu benutzen 
und auf das dort vorhandene material seine Schlüsse 
zu bauen, so dass der verband der dort gedruckten 
Sänger geradezu die bedeutung einer litterarhistorischen 
tatsache gewonnen hat. das ist aber gefährlich, denn 
diese auswahl ist kein canon und will keiner sein; 
mit recht hat schon Roethe (Anz. f. d. a. 16, 75) auf- 
merksam gemacht, dass sie zu eng ist, dass z. b. 
der graf Otto von Botenlauben (femer Günther von 
dem Forste, vielleicht auch Hiltbolt von Schwangau, 
der markgraf von Hohenburg u. a. m.) fehlt, es 
wird sich daher empfehlen, den rahmen des bei 
Untersuchungen über den älteren minnesang einzu- 
beziehenden Stoffes etwas weiter zu spannen. 

Einige von den unterschieden zwischen der aus- 
bildung und gestaltung derselben motive bei Pro- 
venzalen, Franzosen und Deutschen habe ich a. a. o. 



— 95 — 

s. 44 fif.) hervorgehoben, am wichtigsten scheint mir, 
dass die deutschen sänger die frauenhuldigung sofort 
in die formen des deutschen lehensdienstes bringen, 
das minnewesen, wie ich sagen möchte, sofern das 
wort Walt Whitmans nicht so übel klänge : »feudali- 
sieren«, dieselbe Wahrnehmung liegt, wie ich meine, 
der von Jeanroy am Schlüsse seines kapitels über die 
deutsche l3rrik (s. 274 ff.) vorgetragenen, aber nicht 
sehr glücklich ausgedrückten bemerkung zugrunde: 
»U nous semble donc que les imitations allemandes 
ne remontent pas si haut que certains de leurs 
Sujets passablement archäiques pourraient le faire 
croire, mais qu'elles ont conserv6 et transpos6 en 
quelque sorte dans une mani^re plus aristocratique 
des thömes anciens emprunt6s primitivement ä la 
vie populaire : la contradiction entre le style et le 
sujet ou les personnages est sensible«, diese sehr 
merkbare differenz zwischen der deutschen lyrik schon 
der ersten generation und ihren Vorbildern habe ich 
mir a. a. o. s. 46 f. folgendermassen zu erklären getrach- 
tet: »notwendig müssen die historischen zustände und 
die Verhältnisse, unter denen diese entwickelung statt- 
fand, in deutschen und romanischen ländem ver- 
schieden gewesen sein, irre ich nicht, so lässt sich 
das zeigen, vor allem mache ich aufmerksam, dass 
bei Provenzalen und Franzosen eine Standesschicht 
viel weniger hervortritt, die vom 11. jh. an 
durch das 12. und 13. in Deutschland zu grosser 
bedeutimg gelangt ist: die ministerialen oder dienst- 
mannen, ursprünglich unfreie leute, sind sie durch 



- 96 - 

tüchtigkeit, wol auch durch bildung ausgezeichnet, 
zunächst als Verwaltungsbeamte ihren adeligen herren 
unentbehrlich geworden, sind allmälig aufsteigend 
neben sie getreten und sogar über sie hinaus gelangt, 
insbesondere im reichsdienste und wider vornehmlich 
unter den Staufem haben diese ministerialen die 
angesehensten Stellungen eingenommen, (das hat 
W. Nitzsch dargetan ; vgl. noch Waitz, Verfassungs- 
gesch.2 5 ed. Zeumer; v. Zallinger: Ministeriales und 
Milites ; Lamprechts Wirtschaftsgeschichte durchweg ; 
falsch Gervinus i^, 509.) trotzdem blieb bis weit 
ins 13. jh. hinauf ein gewisser makel der Un- 
freiheit an ihnen haften: ehe zwischen adeligen und 
ministerialen setzte nach alter volksanschauung den 
besser geborenen teil dauernd herab und wurde des- 
halb gemieden, nun gehören, wie ich gefunden habe 
und anderwärts vielleicht noch ausführlich darlegen 
werde, die minnesänger der ersten epoche zum grössten 
teile diesem stände der ministerialen an, unter den 
älteren bedeutenderen finden sie sich, in den behan- 
delten periode der deutschen lyrik machen sie gut 
zwei drittel der gesammtheit der dichter aus. 
sie sind um die wende des 12. und 13. jh. 
schon alle mit dem rittergiurt ausgestattet, nun 
bedenke man, dass diese hervorragenden, gebil- 
deten, zu hof- imd staatsämtem verwendeten mini- 
sterialen in der ritterlichen gesellschaft der zeit den 
deutschen frauen adeliger abkunft entgegentraten, 
mit denen sie die Vorzüge der bildung gemein hatten 
(vgl. Wackemagel, Littgesch. ^i, 134 und anm., 



— 97 — 

s. 306, anm. 22), von denen sie aber noch immer 
durch Standesunterschiede getrennt waren, ergaben sich 
da die tatsächlich vorhandenen beziehungen der minne 
nicht von selbst, mussten die frauen nicht häufig 
ihre gemahle ungünstig mit den dienstmannen ver- 
gleichen, musste da nicht von vorneherein in diese 
poesie der ton der Sehnsucht dringen, der innere 
Zwiespalt eintreten, der sie charakterisiert ? die Werbung, 
mutiges zugeständniss und ängstliches versagen, die 
bedeutung der ^re in diesen kämpfen des gemütes, 
die rolle der merkcere^ begreift sich das nicht alles 
sehr wol unter diesen Voraussetzungen? wäre auch 
die leidenschaft der Deutschen geringer gewesen als 
die der Provenzalen, was man nach meiner kenntniss 
(gegen Gervinus) nicht annehmen darf, so erklärt 
doch der umstand, dass die frau durch ihre beziehung 
zu dem sänger oft nicht bloss in der ehe, sondern 
auch in der Standesehre geschädigt zu werden fürch- 
tete, das scheue, unsichere, vor allem aber dieheim- 
lichkeit des ganzen Verhältnisses, von Jahrzehnt zu 
Jahrzehnt milderten sich die gegensätze imd später, 
als der minnesang wirklich zur geselligen kunst ge- 
worden war, hatte diese ganze kunst ihre form schon 
fest aufgeprägt erhalten, war der rahmen gezogen, 
ausserhalb dessen sie sich nicht mehr bewegte, bis 
sie beim Übergang in die kreise des bürgertums ihren 
sachlichen und persönlichen inhalt vollkommen ein- 
büsste und zu blossen metrischen Übungen sich er- 
niedrigte, so, denke ich, versteht sich die besondere 
art der altdeutschen lyrik, wobei ich natürlich andere 

7 



- 9» - 

momente, wie die Verschiedenheit der begabung der 
Völker u. s. w. zwar nicht unterschätze, hier aber 
nicht verhandeln will, ich bemerke nur noch, dass 
man das eindringen der chevalerie und des minne- 
wesens meines erachtens jetzt noch immer um einige 
dezennien zu spät ansetzt, wenn in den liedem des 
Kürenbergers, öfter bei Meinloh von Seflingen, der 
begriff des merkcere schon um 1170 ganz feststeht, 
wenn Friedrich von Hausen in den achziger jähren 
bereits über eine ausgebildete terminologie für die 
huote verfügt, dann müssen die den worten zugnmde 
liegenden sachen doch wenigstens durch ein menschen- 
alter vorher aus dem westen eingedrungen und ge- 
läufig geworden sein, ganz abgesehen davon, dass 
wichtige punkte der ritterlichen lebensordnung sich 
auch selbständig in Deutschland mögen festgesetzt 
haben (Steinmeyer im Anz. f. d. a. 2, 144). das 
stimmt mit den beobachtungen überein, die wir an 
der geschichte der höfischen epik machen, und mit 
den Zeugnissen, die uns die kirchliche litteratur der zeit 
über die sittlichen zustände Deutschlands gewährt.« 

Ganz absichtlich habe ich an dem Wortlaute 
dieser vor vier jähren geschriebenen darlegung bei- 
nahe gar nichts geändert, auch dort nicht, wo ich 
mich seither eines besseren belehrt habe, dass der 
romanische einfluss weiter zurückzuschieben ist, als 
man gemeinhin tut, halte ich auch jetzt noch fest 
(vgl. oben s. 1 1 ff.), und in der hauptsache, in dem hin- 
weis auf die bedeutung des Verhältnisses zwischen 
ministerialität und adel für die besonderheit des deut- 



— 99 — 

sehen minnesanges habe ich sofort recht bekommen 
und brauche das damals gegebene versprechen einer 
weitläuftigeren arbeit darüber nicht mehr einzulösen, 
denn viel besser, als ich es je fertig gebracht hätte, 
und mit einem aufwand von mittein und sachkenntniss, 
der mir immöglich gewesen wäre, hat Aloys Schulte 
in seinem ausgezeichneten aufsatze »Die Standes- 
verhältnisse der minnesänger« (Zs. f. d, a. 39, 
185 — 251) die ganze sache behandelt, wenn ich die 
ministerialen unter den minnesängem auf »gut zwei 
drittel« der gesammtzahl veranschlagt habe, so ist 
das, wie Schulte's listen s. 224 und s. 230 f. aus- 
weisen, eher zu wenig als zu viel gewesen, und die 
darlegungen s. 189 ff. stellen den gegensatz zwischen 
den freiherm und den unfreien dienstmannen wesent- 
lich schärfer dar, als ich es auf meine hilfsbücher hin 
durfte, um so besser werden sich auch die folgerungen 
dadurch stützen lassen, die ich aus diesen geschicht- 
lichen Verhältnissen abgeleitet habe; vgl. dazu noch 
Jeanroy s. 286 ff. 296 ff. Streicher a. a. o. s. 178. 

Damit hängt noch eine andere frage zusammen, 
unlängst hat R, Becker in seiner schritt »Der mittel- 
alterliche minnedienst in Deutschland« (1895) die be- 
hauptung aufgestellt, die weiblichen personen, denen 
die minnesänger ihre Verehrung poetisch ausdrückten, 
seien mädchen gewesen, nicht verheiratete frauen. es 
war ihm dabei, wie er selbst ausspricht, darum zu 
tun, das deutsche mittelalter, die zeit des ideales der 
frauentreue in Nibelimgen und Kudrun, von dem vor- 
würfe poetischer Verherrlichung des ehebruches zu 

7* 



lOO — 

befreien, an sich ist das ein unsachlicher Standpunkt, 
von dem eine wissenschaftliche arbeit nicht ausgehen 
darf: ob das, was unsere forschung ermittelt, das 
mittelalter auszeichnet oder herabsetzt, ob die er- 
gebnisse uns lieb sind oder ärgerlich, das ist voll- 
kommen gleichgihig. wir wollen die Wahrheit wissen 
und sonst nichts, überdies hat Becker noch übersehen, 
dass seine eigene these gleichfalls zu folgorungen 
über die Sittlichkeit des mittelalters fuhrt, die nicht 
eben erfreulich sind, oder wären die verschiedenen, 
nach ihren angaben zum teil erfolgreichen minne- 
verhähnisse der ritterlichen dichter etwa nicht un- 
sittlich? und wenn, was meiner ansieht nach der 
fisdl ist« diese ritter noch dazu selbst verheiratet waren, 
ergebeti solche beziehungen zu mädchen dann nicht 
auch ehebruch? schon die theoretische betrachtong 
der lebensverhältnisse der ritterlichen gesellschaft 
Deutschlands im mittelalter ist der these Beckers 
nicht günstig ^vgL Ost Lit*L 1S96, s. 55S f.). in 
dieser gesellschaft habea mädchen, soweit ich weiss, 
überhaupt gar keine rolle gespielt: sie wurden streng, 
mm gr<\sst<aci teil in kliSsterlicher enge herangezogen 
und tmten ins lebeti^ indem sie sich verii eiiat eten, 
erst von dieser zeit ab bildeten sie ^ctoreo des ge- 
sidlschjiAüchen dasexosu da ist akok meine ich, kon 
r^um £xr die enifahusg des mimiesuxges Torbanden. 
wmren es mädchen. denen die ahde«xtsicte lyrik galt, 
wie linge hätten sie n^dchen bleiSen müssen« w^enn 
d&e kleinen rosiar^ uz^seser ntfraaesjg^er in ibrcin 
IdKen mum £nden $oUtes? ^^e ist dae legd im alt- 



— lOI — 

deutschen rittertum, die Vermählungen fanden sehr 
früh statt, mit ihnen aber hatte die poesie gar nichts 
oder sehr wenig zu schaffen, sie wurden vollzogen 
in erwägung der materiellen Verhältnisse und der 
besonderen umstände in den für die wähl möglichen 
familien. für huote und merkcere ist da ebensowenig 
gelegenheit wie heute, denn auf heimlichem verkehr 
der geliebten beruht die eheschliessung nicht, sondern 
auf den abmachungen der beteiligten verwandten, in 
dem heutigen bauemleben sind die wesentlichen zügo 
der alten Verhältnisse noch bewahrt, 

Ganz abgesehen davon, dass Becker die von 
ihm angezogenen stellen der minnesänger unrichtig 
erklärt^ andere hingegen bei seite lässt, die sich zu 
seiner auffassung nicht schicken, kommen noch weitere 
mnstände in betracht, um uns diese hypothese ganz 
unwahrscheinlich zu machen, haben wir richtig ge- 
sehen, dass der gesammte höfische minnesang Deutsch- 
lands auf romanische Vorbilder und einflüsse zurück- 
geht, so wird es für die frage von entscheidender 
Wichtigkeit, wie bei den Provenzalen und Franzosen 
die Verhältnisse lagen, ob dort die frau oder das 
mädchen den gegenständ des minnedienstes bildete, 
die aufklärung, welche wir von dort erhalten, lautet 
sehr bestimmt, eigentlich kennt tmter den alten »ob- 
jektiven gattungen« der Romanen nur die pastourelle 
das mädchen, die vilaine (Jeanroy s. 9 ff.), daher findet 
sich das mädchen in der höfischen liebeslyrik Deutsch- 
lands auch nur in den liedem der »niederen minne^, 
welche im letzten ende auf den anregtmgen und dem 



I02 



vorstellimgskreise der pastourelle beruhen, aber selbst 
in der pastourelle gibt es eifersucht auf die ver- 
heiratete bäuerin, schlage und merker, Jeanroy s. 47 ff. 
die anderen »objektiven gattungen« kennen überhaupt 
nur die verheiratete frau, so die chansons dramatiques 
(sons d'amour), Jeanroy s. 8 ff. 84 ff. (daher dann 
der monolog der dame), der dihat^ Jeanroy s. 55 ff. 
und die firau ist stets übel verheiratet (Gaston Paris 
a. a. o. s. 682 ff.), der gatte wird immer zurückgestellt 
und verliert die partie (auch in den tanzliedem, 
Gaston Paris s. 685, vgl. Jeanroy-Julleville s. 352 ff.). 
— ebenso verhält es sich in der höfischen l3rrik im 
engeren sinne bei den Romanen, die Provenzalen 
besingen in dieser conventioneilen poesie fast nur 
verheiratete frauen, äusserst selten mädchen (Stimming 
a. a. o. s. 28). dessgleichen die subjektive lyrik der 
Franzosen: Vamour ilUgitime steht in ihrem mittel- 
punkte Qeanroy-Julleville s. 372 ff.), von allem anfange 
ab sind dort discrition und patience die haupteigen- 
schaften, welche von den liebenden gefordert werden 
Qeanroy-JuUev. s. 373). und somit sind auch die 
merker, losengiers^ des französischen minnesanges 
immer conventioneile personen, feste bestandteile des 
poetischen apparates. dasselbe gilt bei den Proven- 
zalen, Stimming s. 33. darum ist es nicht zu glauben, 
dass im deutschen minnesange die sache anders ge- 
standen habe, und der versuch Bergers a. a. o. s. 453, 
die Verwünschungen der merker als stücke einer 
volkstümlichen Überlieferung der lyrik zu beanspruchen, 
wird abgelehnt werden müssen. 



— I03 — 

Sind wir also darüber im reinen, so bedarf es 
noch einiger worte, um das benehmen der frauen in 
diesen Verhältnissen zu erörtern, allbekannt und zeit- 
weilig als eine tatsache der litteraturgeschichte geltend, 
ist die ansieht Scherers, der nach dem verhalten der 
frauen zwei abschnitte des minnesanges unterschied: 
einen älteren, in dem die frau begehrend und leiden- 
schaftlich wirbt; einen jüngeren, während dessen sie 
in die unserem empfinden nach normale Stellung der 
umworbenen zurückgekehrt ist, versagen oder ge- 
währen steht ihr zu. diese sonderung entspricht schon 
für sich nicht ganz dem überlieferten materiale, denn 
die »frauenstrophen« der späteren lyrik sind auch von 
diesem tone der leidenschaftlichen neigimg erfüllt, 
und Scherer musste sich damit behelfen, dass er 
weiters unterschied: die >frauenstrophen« beim Küren- 
berger waren »echt«, das heisst, wirklich von frauen 
selbst gedichtet ; die »frauenstrophen« der nachfolger 
hingegen »unecht«, sie verkörperten nur die wünsche 
der Sänger, war es schwierig genug, für diese 
hypothese ausreichende gründe aufzutreiben (Streicher 
versucht es, a. a. o. s. 171. 176), so wird das unter- 
nehmen noch bedenklicher, sobald wir unsere blicke 
wider der tradition romanischer lyrik zuwenden, schon 
die früheste provenzalische minnelyrik (Stimming 
s. 13 ff.) weist der frau eine leidenschaftliche rolle 
zu ; Stimming leitet das zurück auf das epische element 
in der ältesten volkstümlichen lyrik, das den dichter 
durch die hergebrachte Situation — zwei liebende — 
zwang, sich in die dargestellten persönlichkeiten dieser 



— I04 — 

»romanzen« zu versetzen, in der französischen minne- 
poesie der frühesten zeit sind die frauen die be- 
gehrenden, leidenschaftlichen Qeanroy s. 219 ff.), 
ebenso in den chansons d'histoire, wo die männer 
um sich werben lassen Qeanroy-Jullev. s. 351). Gaston 
Paris erklärt das durch die alte gepflogenheit, dass 
bei den maifesten die frauen allein unter sich tanzten^ 
ein rest altrömischer volksüberlieferung (s. 408 ff.), 
unter diesen umständen kann die active rolle der 
frau im älteren deutschen minnesange nicht, wie 
Scherer seiner theorie von den Wechsel männischer 
und weibischer epochen in der litteratur zu liebe will, 
der besonderheit eines abschnittes altdeutscher kultur 
zugerechnet werden, und es bleibt nichts übrig, als 
die von ihm angestellte Unterscheidung fEdlen zu 
lassen (vgl. auch Jeanroy s. 226). 

Wie steht es nun bei solcher Sachlage mit den 
sogenannten »frauenstrophen« des deutschen minne- 
sanges? Burdach schliesst eine soigsame betrachtung 
des g^enstandes mit folgenden sätzen (Zs, f . d. a. 26, 
367): »die frauenlieder haben, so viel ich sehe, einen 
dreifachen Ursprung, einmal gab es wirklich von 
frauen gedichtete lieder, wie die unter Kürenbergs 
namen überlieferten beweisen, mag man über diese 
selbst auch anders denken als ich : sie waren bestimmt 
für den geliebten, sei es, dass sie unmittelbar vor 
ihm gesungen oder durch einei boten oder schrift- 
lich ihm mitgeteilt wurden; oft waren sie antwort- 
lieder ; indem ein lied des mannes mit einem antwort- 
liede der frau verbunden wurde, entstand der wechseL 



— I05 — 

daneben werden männer früh solche frauenlieder nach- 
gebildet haben: entweder benutzten sie dabei wirk- 
liche äusserungen ihrer damen, bisweilen vielleicht 
wörtlich, oder sie folgten bloss ihrer phantasie. beide 
möglichkeiten schliessen sich übrigens nicht gegen- 
seitig aus und von der einen zur anderen leiten un- 
endlich viele abstufungen hinüber, endlich drittens 
wirkten auch die grossen monologe der höfischen 
epik ein: dass die Selbstgespräche der Isalde bei 
Eilhart, der Lavinia bei Veldeke Zusammenhang haben 
mit Hausens und Reinmars frauenliedem ist von mir 
nachgewiesen, da waltet dann am meisten fiction und 
das psychologische interesse überwiegt jedes andere, c 
in meinen buche »Über Hartmann v. Aue« (1894) s. 370 
habe ich mich über die lechtheit« der frauenstrophen 
etwas zurückhaltender ausgesprochen und dort gesagt : 
»es lässt sich durchaus nicht von vorneherein abweisen, 
dass deutsche frauen selbst lieder gesimgen haben 
(wie in der Provence), in vornehmen kreisen war 
während des 12. jhs. und darnach ihre bildung durch- 
schnittlich feiner als die der männer; man lese die 
frauenbriefe in den correspondenzen der deutschen 
und französischen bischöfe jener zeit, um sich davon 
zu überzeugen, auch der inhalt der frauenlieder, der 
sehr verschiedenartig ist: bald gewährend, bald ab- 
lehnend, höhnisch, freundlich, klagend, erfüllt nut 
tadel und beschwerde, zuweilen nüt lob und preis, 
spricht nicht wider diese möglichkeit. aber es kann 
sich auch oftmals so verhalten haben, wie die beispiele 
bei Ulrich von Liechtenstein lehren : die herrin sandte 



— io6 - 

mündlich oder schriftlich dem freunde eine botschaft, 
der dichter schuf sie dann in Strophen um. endlich 
aber, und das ist gewiss in der späteren entwickelung 
des minnesanges häufig der fall gewesen, sind die 
frauenlieder überhaupt erfunden, imd der hoffinungs- 
lose wünsch des dichters hat sich darin erfüllung 
vorgespiegelt.« heute möchte ich auch diese Zu- 
geständnisse an die ^^echtheit« der frauenstrophen 
noch etwas beschränken, denn die romanische Über- 
lieferung spricht durchaus nicht für sie. nur bei den 
ältesten, national- volkstümlichen der chansons d'histoire 
will Gröber s. 665 sie zulassen. Gaston Paris lässt die 
klage der frau aus den monologen der tagelieder 
entstehen, hält sie also für conventionelle poesie 
s. 167, vgl. auch Wackemagel, Altfr. lieder imd leiche 
s. 177« Jeanroy spricht die frauenstrophen s. 96 ff. 
der französischen lyrik ganz ab (auch der deutschen 
s. 297 ff.) und bemerkt, es habe sich in ihnen ein eigener 
Stil entwickelt, der ein kennzeichen der gattung aus- 
mache (s. 299). Streicher (a. a. o. s. 184 ff.) hält die 
frauenstrophen überhaupt für dichterträume. 

Es wird vielleicht nicht nötig sein, so weit zu 
gehen, jedesfalls kennt die geschichte der proven- 
zalischen lyrik dichterinnen : 17 trobairitz werden 
namhaft gemacht (Stimming s. 19). allerdings, im 
deutschen minnesang ist kein einziger name einer 
dichterin überliefert und Burdach, der a. a. o. s. 356 f. 
die »echtheit« der frauenstrophen beim Rürenberger 
verficht, meint s. 358 doch: »soll nun die unleugbar 
auffällige tatsache erklärt werden, dass in der ältesten 



— I07 — 

zeit die frauenstophen so unverhältnissmässig zahl- 
reicher auftreten als später [ist das richtig?], so muss 
es zwar nicht als gewiss, wol aber als ziemlich 
wahrscheinlich gelten, dass ein teil, wo nicht die 
meisten, dieser frauenstrophen auch wirklich von 
frauen gedichtet sind, was dagegen sprechen könnte, 
will ich nicht verschweigen: aus der zeit des aus- 
gebildeten minnesanges sind dichterinnen, wie etwa 
in Frankreich, nicht bezeugt, indes auch dies lässt 
sich begreifen: gegen die unnatürliche sitte des aus 
der fremde eingeführten minnedienstes und die mode- 
poesie mögen die deutschen frauen eine tiefe abneigung 
empfunden haben, wofür auch anderes spricht.« ich 
bekenne aufrichtig, dass ich dieses argument nicht 
verstehe: das minnewesen, die systemisierte frauen- 
huldigung, soll den deutschen frauen widerwärtig 
gewesen sein, das, umgeben mit aller glorie einer 
überlegenen kultur, durch nahezu zwei Jahrhunderte 
bei rittern und bürgern der deutschen dichtung 
färbe und Inhalt verlieh? — richtig aber ist, dass 
wir keine beglaubigte frauenlyrik haben, und was 
wir dafür halten: MSF. 3, i — 6 und die verse im 
dritten der Tegemseer liebesbriefe, sowie die paar 
Strophen im frauendienst Ulrich von Liechtenstein, 
das kann uns keine bestimmte Vorstellung ver- 
schaffen, wir dürfen demnach und mit rücksicht auf 
die vom 11. jh, ab bezeugte geistliche schriftstellerei 
deutscher frauen die möglichkeit von frauenstrophen 
ims offenhalten, urkundliche gewähr dafür besitzen 
wir nicht. 



— io8 — 

Es wird sich nun fragen, ob der früher beschrie- 
bene unterschied zwischen deutschem und romani- 
schem minnesang (oben s. 94 £f.) nicht auch auf 
deutschem boden zu der ausbildung eigener motive 
und kleiner gattungen geführt habe, das bisher ver- 
glichene material gestattet keine Schlüsse: am reich- 
sten sind fiür die ältere zeit die Sammlungen, die 
Wilmanns in den anmerkungen zum 3. teile seines 
buches > Leben und dichten Walthers von der Vogel- 
weide« untergebracht hat; sie sind aber haupt- 
sächlich angestellt, um Zusammenhang und entleh- 
nung, nicht jedoch, um differenzen klar zu legen« 
und was die sonstigen spezialarbeiten über einzelne 
minnesänger dafür aufweisen, habe ich zwar durch- 
gesehen, aber unergiebig befunden, theoretisch ist es 
nun nicht sehr wahrscheinlich, dass der deutsche 
minnesang im vergleich mit dem romanischen einen üppi- 
gen Zuwachs an motiven erfahren haben werde, schon 
der französische ist, verglichen mit dem provenzali- 
schen, viel ärmer an motiven, was bereits Wackemagel 
wahrgenommen hat und Gröber s. 669 mit den worten 
ausdrückt: »die lyrische topik ist im norden weniger 
umfangreich als im Süden.« ein ganz eigentümliches 
verfahren hat Jeanroy eingeschlagen, als er die höfi- 
sche lyrik der Franzosen mit der deutschen in diesem 
betrachte verglich, es ist ihm nicht entgangen, dass 
ein guter teil der deutschen minnelieder, insbesondere 
der ersten generation, älter ist als die entsprechenden 
französischen, wo nun motive, Situationen und ihre 
behandlung auf beiden gebieten übereinstimmen, dort 



— I09 — 

nimmt er die priorität der Franzosen als selbst- 
verständlich an und betrachtet die deutschen stücke 
als abhängige nachbildungen. wo aber die deutsche 
lyrik ein plus von motiven, gegen die französische 
gehalten, zeigt, dort nimmt er an, die französischen 
Vorbilder seien verloren gegangen und fasst diese 
deutschen gebilde als mittelbare Zeugnisse für einen 
einstigen, nicht überlieferten bestand der französischen 
lyrik auf. er benutzt also diese deutschen gedichte, 
um einen verlorenen reichtum des französischen minne- 
sanges zu reconstruieren. er findet in der deutschen 
Überlieferung z. b, als der französischen fehlend: 
geständniss der glücklich liebenden firau (s. 158); 
gelöbniss der liebenden frau, wider die verwandten 
ausgesprochen (s. 160); abschiedslied (s. 169); klage 
während der trennung (s. 170); freude bei der rück- 
kehr (s. 172); vergessen werden durch den geliebten 
(s. 173). alle diese kleinen Spielarten spricht er als 
reste des französischen minnesanges an, welche durch 
die deutsche nachahmung indirekt erwiesen seien, 
dieses verfahren ist schlechtweg unhistorisch. Jeanroy 
fragt gar nicht, ob hier etwa provenzalische lieder 
im deutschen nachgebildet seien, vor allem jedoch 
kommt es ihm gar nicht in den sinn, dass die fran- 
zösischen anregungen doch von den deutschen minne- 
sängem fortgebildet sein könnten und der enge kreis 
von überlieferten motiven bei der Umpflanzung auf 
deutschen boden selbständige sprossen getrieben und 
zweige angesetzt haben möchte, wir haben jedesfalls 
das recht, die dem deutschen minnesang eigentüm- 



— HO — 

liehen bildungen von motiven so lange für deutsche 
erzeugnisse zu halten, als romanische vorlagen dafür 
nicht erwiesen sind. 

Bei allen grösseren gattungen von motiven und 
formen wird die abhängigkeit ohnediess zugegeben 
werden müssen, so ist z. b. in der Verwertung der 
kreuzzüge als poetisches motiv der romanische minne- 
sang dem deutschen vorangegangen: der kreuzzug 
von 1147 hat den Provenzalen Marcabrun zu einer 
klage veranlasst, zu demselben zuge ist 1146 das 
älteste französische kreuzfahrerlied gesungen worden 
(Gaston Paris, Hist. de la litt. fran9. au moyen äge, 
2" 6d., § 124). nachmals spielt der geliebte als kreuz- 
ritter in der französischen l3rrik eine wichtige rolle, 
Jeanroy s. 99 f. — die »minnelehre« stammt aus der 
Provence, Stimming s. 33. sie ist dann besonders 
in der französischen lyrik gepflegt imd ausgebildet 
worden, begründet auf dem satze, dass die liebe eine 
kunst imd die quelle aller höfischen tugenden sei, 
Jeanroy-Jullev. s. 373 flf. der deutsche minnesang be- 
treibt diese liebesdidaktik sehr reichlich und lebhaft, 
wie man schon aus meiner ungefähren Zählung er- 
sehen mag, Biogr. Bl., i, 45 f. darnach ist es wol 
sicher, dass auch diese höfische liebestheorie romani- 
' sehen urspnmges ist; Jeanroy will s. 285 ff. schon die 
ältesten deutschen liebeslieder von ihr erfüllt wissen, 
jedesfalls wird man die gnomik des minnesanges, 
soweit sie hierher gehört, sorgfältig prüfen müssen 
und nicht, wie Berger a. a. o. s. 457 £f. tut, sie einfach 
fiir volkstümlich halten dürfen. — aus der höfischen 



— III — 

dorfpoesie entwickelt sich, indem an deren realistische 
art angeknüpft wird, die besondere gattung des herbst- 
liedes, wie es Steinmar, Hadloub und andere pflegen; 
auch dafür bot die französische lyrik die Vorgänger: 
das »speiselied« des Colin Muset ist schon in dieser 
art gedichtet, später die sachen von Olivier Basselin^ 
vgl. Wackernagel, Altfr. lieder und leiche s. 74 iF, 
183. 235. — und selbst die ausdehnung der spruch- 
poesie auf das politische gebiet, in welcher Walther 
von der Vogelweide seine glänzendsten erfolge ge- 
wann, war längst in der Provence betrieben worden, 
wo männer wie Bertran de Born sogar das lied der 
politik dienstbar gemacht hatten. 

Und dieses verhältniss besteht während der ersten 
fünfzig jähre unseres minnesanges in allen gegenden 
Deutschlands gleichermassen. ihm gegenüber schwin- 
den die landschaftlichen unterschiede, welche Scherer 
zwischen dem Donaugebiete und den Rheinlanden 
geltend machte, was den Inhalt anlangt, ins un- 
bedeutende zusammen, vgl. Jeanroy s. 278 ff. 294 f. 
im Stil und der behandlung von Strophe und versbau 
mögen differenzen bestehen bleiben ; es fragt sich dann 
übrigens, ob nicht auch sie auf die Verschiedenheit 
der benutzten romanischen Vorbilder zurückzuführen 
sind. 

Selbst dort, wo die deutung der einzelnen tat- 
sachen zweifelhaft sein möchte, erhält sie ihre be- 
stimmte richtung durch das gesammte verhältniss der 
deutschen zur französischen kultur während des 1 1. bis 
13. jhs,: wir brauchen uns nicht an die höfische epik 



— 112 

ZU erinnern, in der theologie und dem betriebe der 
von ihr beherrschten und durchsetzten Wissenschaften, 
in der liturgik, der predigt, überall finden wir die 
spuren eines ausgedehnten Verkehres, eines über- 
raschend schnellen und engen anschlusses (vgL 
meine Studien zur geschichte der altdeutschen predigt 
1896 s. 141 f.): überall gibt Frankreich, empfangt 
Deutschland. 



8. 



Am wenigsten wissen wir infolge der mangel- 
haften Überlieferung von der musik des minnesanges. 
und auch dieses wenige ist sehr schwer zu beurteilen, 
zum mindesten für mich, denn obzwar ich nicht ganz 
ohne musikalische bildung bin, sehe ich doch ein, 
dass zwischen dem musiker und dem musikhistoriker 
ein grosser abstand liegt, der nur durch weitläuftige 
und eingehende Studien überwimden werden kann, 
nun sind aber gerade von der musikgeschichte die 
entscheidenden aufschlüsse fiir eine ganze reihe von 
fragen betreffs des deutschen minnesanges zu erwarten; 
alles, was wir jetzt darüber sagen können, trägt dess- 
halb den Charakter des vorläufigen. 

So herrscht schon durchaus ungewissheit über 
die art, wie die minnelieder vorgetragen wurden. 



— 113 — 

selbst die Instrumente und ihre gebrauchsweise sind 
uns nicht hinlänglich bekannt : die Zusammenstellungen 
im 6. kapitel des i, bandqs von Alwin Schultz 
»Höfisches leben zur zeit der minnesinger« dürfen 
bei dem unkritischen verfahren des autors nur mit 
vorsieht benutzt werden; über die geigeninstrumente 
unterrichtet sehr gut Ambros im 2, bände seiner Ge- 
schichte der musik s. 238 ff. jedesfalls, denke ich, 
dürfen wir daran gemäss den überlieferten Zeugnissen 
festhalten (Ambros s. 238; Burdach, Reinmar und 
Walther s. 177 ff.), dass zu den in der melodie vor- 
getragenen liedern des Sängers eine instrumentale 
begleitung vorhanden war, mag sie auch nur in ein- 
zelnen angeschlagenen und gehaltenen tönen bestanden 
haben (Restori s. 399). ob diese begleitung schon in 
modemer weise musikalisch gestaltet war, ist äusserst 
zweifelhaft (vgl. Jacobsthal, Zs. f. d. a. 20, 84 ff. 
Restori s. 398). gewiss durfte ich sagen (Walther* 
s. 56 f.): »die Vorstellung, die man jetzt insgemein 
von der sache hat, dass nämlich der fahrende mann 
auf der fiedel gespielt und dazu gesungen habe, ist 
unrichtig, zwei hauptarten von geigen sind uns aus 
dem mittelalter bekannt: die eine, welche wie heute 
an den hals gesetzt wurde; die andere legte man 
über die knie und griff mit der linken band die saiten, 
indess die rechte den bogen führte, wahrscheinlich 
besass man auch kniegeigen in gestalt des Violoncello, 
bei keinem von diesen Streichinstrumenten ist es dem 
Spieler möglich, gleichzeitig zu singen, insbesondere 
aber zu singen, wie es die minnepoesie forderte, so 

8 



— 114 — 

nämlich, dass der Inhalt vollkommen und in der rich- 
tigen weise accentuiert den hörenden vernehmlich 
wurde, entweder begleitete sich der sänger auf einer 
kleinen knieharfe {liet slagen nennt das Neidhart) 
oder er begleitete sein lied überhaupt nicht, sondern 
spielte nur die melodie und sang es dann.« ganz in 
derselben weise erörtert jetzt Restori die Schwierig- 
keiten eines liedvortrages, den der mittelalterliche 
Sänger der früheren meinung nach selbst begleiten 
sollte (s. 398): »il ne pouvait alors etre question 
d'accompagnement dans le sens moderne du mot; je 
ne crois pas non plus que l'instrument ait pu jouer 
ä Punisson, ä cause des difficult^s materielles que 
pr^sentaient la position et le maniement d'un instru- 
ment ä archet et qui devaient emp^cher la m^me 
personne d'ex^cuter ä la fois un morceau de chant 
et de musique instrumentale, tout au plus cela aurait- 
il 6te possible avec une harpe ou un autre Instrument 
ä cordes pinc^es.« dabei trägt jedoch Restori eine 
sehr gute Vermutung vor. im anschlusse an eine stelle 
des Chanson de Hörn sagt er von dem sänger: 
»il r^p^te donc sur l'instrument le motif qu'il avait 
ex6cut6 d'abord avec la voix. ce mode simple et 
primitif d'exposition musicale qui est encore dans 
toute ritalie employ6 par les aveugles, les chanteurs 
populaires et les racleurs de violons, doit avoir hth 
celui de ces nombreux artistes qui chantaient eux- 
mömes leurs chansons et jouaient de la viole.« ich 
kann bestätigen, dass die heute noch übrigen einzeln 
wandernden sänger der deutschösterreichischen länder, 



— 115 — 

jetzt meistens alte leute, in ganz ähnlicher weise vor- 
tragen: und zwar wird zuerst die melodie auf der 
geige gespielt (wie ich annahm), darauf folgt das 
gesungene lied, bei welchem die guten taktteile auf 
der umgehangenen und rasch zum gebrauch über- 
gedrehten guittare mit accorden accentuiert werden; 
zum Schlüsse folgt dann wider die melodie auf 
der geige. 

Ist man aber denn überhaupt an die Vorstellung 
gebunden, dass der minnesänger seine lieder selbst 
zugleich vortrug und musikalisch begleitete ? die vor- 
handenen Zeugnisse verlangen das durchaus nicht, 
bei den Provenzalen wird zwischen den ausführenden 
joglars und den dichtenden trobadors unterschieden; 
beide können aber auch in denselben personen zu- 
sammenfallen, beide auch paarweise umherziehen, 
Stimming s. i6 f.). in Frankreich pflegen die sänger 
und die spieler von instrumenten verschiedene perso- 
nen zu sein, und in Deutschland war das kaum anders : 
Walther von der Vogelweide nennt einmal seinen knap- 
pen Dietrich, den er auf seine fahrten mitnahm und der 
ihm wol die nötige hilfe geleistet hat. Ulrich von 
Liechtenstein imd spät nach ihm der graf Hugo von 
Montfort sangen auf dieselbe weise, unterstützt durch 
einen begleiter. 

Gleichfalls nicht ganz klar ist es, ob dieminne- 
poesie nur einstimimigen, oder auch mehrstimmigen 
gesang kannte, zwischen den älteren annahmen 
Nisard's, der die melodien des minnesanges alle aus 
polyphonen compositionen ableitete und daher alle 

8» 



— Ii6 — 

minnesänger für contrapunctisten erklärte, und der 
gegenteiligen annähme von F6tis, der nur einstim- 
migen minnesang zuliess, schlägt Restori einen mittel- 
weg ein, der wol auch nach den darlegtmgen von 
Ambros der richtige ist. es gab also einstimmigen und 
mehrstimmigen minnesang, nur darf man sich den 
mehrstimmigen nicht gemäss der modernen weise des 
polyphonen satzes vorstellen (Jacobsthal a. a. o. 
s. 71 ff. vgl. jetzt die darlegungen von H. Rietsch, Die 
Monsee- Wiener liederhs. 1896, s. 163 — 217), jedes- 
falls reichen auch die motette, in denen ver- 
schiedene stimmen mit verschiedenen texten auf 
denselben tenor componiert wurden, sehr weit hinauf 
(vgl. die aufschlussreiche schrift von W, Meyer^ 
Der Ursprung des motetts 1898), und Sammlungen 
französischer motette (Gaston Raynaud, Recueil de 
motets fran^ais des Xlle et Xllle si^cles, 1883) sind 
schon im 12. jh. veranstaltet worden, das war nun 
zunächst freilich geistliche musik; aber wo anders, 
denn in geistlichen häusem imd von kirchlicher 
kunstübung sollen denn die minnesänger zumeist ihre 
musikalischen kenntnisse erworben haben? ich weiss 
sehr wol, dass man vieles von der melodik des 
minnesanges auf Volksmusik zurückführt (so Jacobs- 
thal a. a. o. imd neuestens Restori s. 392 ff.), ich 
kann darüber nicht wol urteilen, gewiss aber ist, 
dass die Zeugnisse, welche die minnesänger selbst in 
ihren dichtungen darbieten, die technischen ausdrücke, 
welche sie selbst verwenden und die von anderen 
zur Charakterisierung ihrer musik gebraucht werden 



— 117 — 

(sehr hübsch handelt darüber Burdach, Reinmar und 
Walther s. 177 ff.)> ^^^ ^^^ ^^^^ gelehrte kunst sich 
beziehen (der Spervogel wird ein fahrender gewesen 
sein, der die neue kunst nicht erlernte), diese mag 
man sich ja (wie von den Provenzalen bezeugt ist, 
Stimming s. 16) bei einzelnen meistern an höfen an- 
geeignet haben (vgl. Walther von der Vogelweide, 
Ulrich von Liechtenstein, Tristan usw.); aber das 
sind dann nur mittelglieder zwischen den jüngeren 
Sängern und zwischen der kirchlichen musik, die man 
als die letzte quelle auch der musikalischen kunst 
der höfischen lyrik wird ansehen dürfen (die motette 
stammen nach Meyer's erweis aus den antiphonen 
der kirche). dass componist und dichter getrennte 
personen waren, wie es bei den motetten vorkommt 
(W. Meyers. 125), das braucht auch für den deutschen 
minnesang nicht ausgeschlossen zu werden, sind doch 
mehrstimmige gesänge nach art des motetts schon 
im französischen volksgesange des 12. jhs. möglich 
gewesen (Gröber s. 661, vgl. Restori s. 400 ff,), 
jedesfalls halte ich einen engen Zusammenhang 
zwischen kirchlicher imd weltlicher musik schon im 
12. jh. für sehr wahrscheinlich (kirchlichen motetten 
wurden schon früh weltliche texte unterlegt). 

Der hauptzweck, den der künftige minnesänger 
anstrebte, sobald er sich musikunterricht ertheilen 
liess, bestand darin, dass er befähigt werden sollte, 
selbständig neue melodien zu finden, wir dürfen uns 
den aufwand geistiger arbeit, der dabei erfordert 
wurde, nicht allzu gross vorstellen, die bildung einer 



— ii8 — 

melodie gieng nach überlieferten und ziemlich ein- 
fachen gesetzen vor sich Qacobsthal s. 85 ff., Restori 
s. 392 ff,, Rietsch s, 179 ff.), trotzdem legte man 
auf die Selbständigkeit der melodie den grössten 
wert, das ist für die Romanen allgemein anerkannt 
(Restori s. 398), und Gaston Paris fasst die regel, 
übertragen von der melodie auf die Strophenbildung, 
in folgendem satz zusammen (La litten fran^. au 
moyen äge, 2^ 6d. ff. 125): »la forme de chaque 
Strophe est invent6 ä nouveau pour chaque piöce par 
le poete et constitue pour celui qui l'a invent^e une 
propri6t6 qu'on ne peut lui enlever sans plagiat; il 
n'a möme pas le droit de se r6p6ter lui-m^me.« unter 
den 60 liedem des Thibaud von Champagne stimmen 
nicht zwei im strophenbau vollständig überein ; aller- 
dings genügte schon eine sehr unbedeutende Ver- 
änderung, um einer melodie oder dem baue einer 
Strophe den Charakter der neuheit zu verleihen, alle 
übrigen analogien veranlassen ims, für den deutschen 
minnesang auch der ältesten zeit ähnliche Verhältnisse 
anzunehmen, die frage nach dem eigentum von melodie 
und Strophen ist bekanntlich bei uns aus anlass von 
Pfeiffers (heute beinahe vergessener) hypothese über 
denKürenberger als Verfasser des Nibelungenliedes sehr 
eingehend erörtert worden. Wilmanns hat darauf hin- 
gewiesen, dass in MSF. sich tatsächlich identische 
Strophen vorfanden, allerdings nur in so geringer 
zahl, dass sie als ausnahmen die regel bestätigen 
dürften, denn der deutsche minnesang war doch nicht 
als meistersingerschule organisiert, so dass es jedem 



— 119 — 

einzelnen dichter allzeit möglich gewesen wäre 
festzustellen, ob seine melodie schon früher verwendet 
worden sei oder nicht, und weiters: was im druck 
sich uns als dieselbe Strophe in zwei beispielen dar- 
stellt, konnte doch musikalisch sehr verschieden sein, 
denselben hebimgszahlen und reimstellungen konnten 
sehr abweichende melodien entsprechen (vgl. Roethe, 
Reinmar von Zweter s. 159, anm. 196). darum ist 
die frage auch für den älteren deutschen minnesang 
noch nicht völlig erledigt, für den späteren hat das 
eigentum der melodie gewiss gegolten. 

Schon aus diesen erwägungen ist zu schliessen, 
dass die wise bei der entstehung eines minneliedes 
wichtiger war als der text (vgl. imten s. 126 f.). es fallt 
daher auch der musik entscheidende bedeutung für 
die geschichte des minnesanges zu: die romanische 
dreiteiligkeit der Strophen, die auf der widerholung 
und dem refrain des alten volksgesanges beruhen 
soll, wandert von der Provence zu den Franzosen und 
Deutschen ; die unterschiede zwischen provenzalischer 
und französischer lyrik sind zimächst in den unter- 
schieden der melodienbildimg begründet (Restori s. 
395 ^0 ^^^ werden auch zwischen Romanen und 
Deutschen bestanden haben, demgemäss sprechen 
auch verschiedene forscher das übergewicht der 
musik über die poesie beim minnesange sehr bestimmt 
aus ; am weitesten geht Gröb^er, der seine darstellung 
der »weltlichen lyrik« s. 659 mit dem satze beginnt: 
»die bezeichnungen für formen der musikalischen 
imterhaltung, mit denen texte sich verbinden können^ 



— I20 — 

sind in litteraturwerken des Zeitraumes sehr zahlreich, c 
bei uns hat Burdach mit nachdruck die bedeutung 
der musik für die geschichte des minnesanges her- 
vorgehoben und gezeigt (Reinmar und Walther s. 
179 f.), dass die berühmten lobverse Gottfrieds von 
Strassburg über die kunst Walthers von der Vogel- 
weide sich eigentlich nur auf seine musikalischen 
leistungen beziehen, wir haben von Walther, der 
somit als der erste der grossen musiker bezeichnet 
werden darf, die Österreich hervorgebracht hat, 10 1 
texte zu seinen compositionen ; ziemlich genau stimmt 
dieser ertrag eines reichen künstlerlebens mit dem 
seines hochbegabten concurrenten Neidhart von Reuen- 
thal überein, der einmal davon spricht, dass er 104 
melodien und texte componiert und verfasst habe, 
wir mögen aus alledem entnehmen, dass uns bei dem 
Verluste fast sämmtlicher aufzeichnungen von melodien 
aus der frühzeit des deutschen minnesanges auch das 
einzige mittel gebricht, diese kunst recht und in 
ihrem vollen umfange zu würdigen, ob sich der 
mangel wird jemals ersetzen lassen? — 



Damit gelange ich endlich dazu, die frage zu 
erörtern, um derentwillen, genau genommen, alles 
vorhergehende geschrieben worden ist : darf den mit- 
teilungen der deutschen minnesänger, die sie in 
ihren liedem über die Verhältnisse und Schicksale 
ihrer liebe, der geliebten, über die eigenen erfah- 



121 



rungen im minneleben vortragen, irgend welche 
glaubwürdigkeit beigemessen werden? ist es uns er- 
laubt, indem wir ihre angaben wörtlich nehmen, sie 
für die biographie ihrer urheber zu verwerten, die 
entwickelung ihres inneren und äusseren lebens daraus 
zu erschliessen ? — die antworten werden auf diese 
frage auch heute noch sehr verschieden ausfallen: ich 
zweifle nicht, dass so viele abstufungen, als zwischen 
»ja« und »nein« überhaupt möglich sind, in den an- 
sichten der fachgenossen über den gegenständ auch 
vertreten sein werden. 

Wilmanns versagte der gesammten deutschen 
minnepoesie in bezug auf ihren substantiellen gehalt 
von angaben über erlebtes, über zustände und Vor- 
gänge, jeden glauben (Leben und dichten Walthers 
von der Vogel weide s. 164 ff,). Burdach wehrte sich 
dagegen (Anz. f. d. a. 9, 350) und meinte, er habe 
»keinen anlass, zu bezweifeln, dass Walthers lieder, 
wenigstens die aus der zeit seiner Selbständigkeit, 
wo er den einfluss der Reinmarschen und Hausen- 
schen poesie überwunden hatte, ausdruck wirklicher 
erlebnisse seien, oft gewiss ausdruck gegenwärtiger 
erfahnmgen, aber auch vergangener, das gefühl, 
welches er darstellt, kann an anderen beobachtet 
sein, dann ist es miterlebt, mitempfunden, jedesfalls 
immer wirklich, niemals ersonnen oder gemacht, bei 
den übrigen minnesingern sind unterschiede wahr- 
zunehmen: von den bedeutenden wirklichen dichtem 
unter ihnen gilt das gleiche wie von Walther, also 
namentlich von Morungen, am wenigsten von Reinmar, 



— 122 — 

von Rudolf von Neuenburg«, anderwärts (Anz. f. d. a. 
12, 190) hält er »die biographische ausdeutung der 
mhd. lieder mit wenigen ausnahmen für unfhj^chtbar. « 
vgl. Wilmanns, Zs. f. d. a. 29, 55 anm. demgegen- 
über habe ich die Verwertung des älteren minne- 
sanges für die biographien der dichter zu retten ver- 
sucht: in meinem buche >Über Hartmann von Aue« s. 
355 ff« 370 ff« dann wider in dem bereits citierten 
aufeatze Ȇber den biographischen gehalt des alt- 
deutschen minnesanges« (Biogr. Bl. i, besonders s. 
48 flf.)' wer dem verlaufe meiner diessmaligen dar- 
stellung hier mit einiger aufmerksamkeit gefolgt ist, 
wird nicht verwundert sein, zu finden, dass ich diesen 
Standpunkt nicht länger innehalte, dass ich es auf- 
gebe, die Wahrheit des inhaltes der minnelieder zu 
verteidigen, ich muss zurücknehmen, was ich a. a. o. 
über die Scheidung der lieder Hartmanns und ihre 
anordnung auf den inhalt hin vorgetragen habe, auch 
in meinem buche über Walther würde ich heute ver- 
schiedenes anders stellen, als ich getan habe, obzwar 
dort tiefer einschneidende Veränderungen nicht vor- 
genommen zu werden brauchten, vgl. Burdach, ADB. 
41, 50 f. die erörterungen von Franz Saran in seiner 
abhandlung »Über Hartmann von Aue« Paul-Braune's 
Beitr. 23, i — 35 haben mich überzeugt, ich beschäftige 
mich hier nicht mit der beurteilung der methodischen 
mittel, welche aufgebracht worden sind, um die bis- 
herigen zu ersetzen, da man doch auch auf die ver- 
wertbarkeit der Strophenordnungen in den alten hss. 
unter Voraussetzung der existenz von liederbüchern 



— 123 

beinahe ganz verzichten musste. ich beurtheile daher 
hier weder Burdach's, an Scherer anknüpfende ver- 
suche, an die stelle der erforschung des inhaltes, die 
der »künstlerischen entwickelung, des Stils im weitesten 
sinne des wortes« zu rücken, noch das neueste unter- 
nehmen Sarans, der eine sinnreich construierte 
rh3rthmik zum massstabe der formalen ausbildung 
der dichter zu machen wünscht und sich dabei der 
(allerdings erst zu beweisenden) Voraussetzung be- 
dient, dass die einzelnen poeten in regelmässigem 
fortschritt sich entwickelt hätten, die gründe, welche 
mich bewegen, die irrealität des inhaltes für den 
deutschen minnegesang zuzugestehen, fasse ich in 
folgende erwägungen zusammen. 

Erstens: in der für das aufkommen und die 
entfaltung der altdeutschen lyrik diurchaus massgeben- 
den minnedichtung der Romanen fehlt es diurchweg 
an einer realen, erlebten grundlage des inhaltes der 
lieder. so stellt Stimming die sache bei der proven- 
zalischen l3rrik dar s. 28 flf., so Gröber für die Fran- 
zosen s. 674 ff., Jeanroy s. 10 ff. und an verschiedenen 
stellen seines werkes. dafür kann man die pflege des 
minnesanges als einer kunst zur höfischen Unterhal- 
tung verantwortlich machen, femer die heimlichkett 
der Verhältnisse, welche die Convention der gesell- 
schaft zwischen damen und dichtem verlangte, freilich 
steht damit in einigem widersprach das treibende 
motiv des ehrgeizes, der in der Provence und in 
Frankreich die frauen veranlasste, den sängem günstig 
zu sein, um sich den mhm ihrer lieder zu sichern« 



124 — 

die Wirklichkeit wird aber da schon ein mittleres 
zwischen verschweigen und verrat, zwischen zurück-» 
haltung und preisgebung gefunden haben, ist die 
(oben s. 95 ff.) dargelegte auffassung richtig, womach 
der deutsche minnesang infolge der eigentümlichen 
historischen Verhältnisse die poesie noch mehr »feu** 
dalisierte«, so ist für ihn eine noch weitere beschrän- 
kung der realität des Inhaltes zu erwarten, die auch, 
verglichen mit dem der Provence (Stimming s. 30 ff.), 
wirklich vorhanden ist. — weiters erforderte die rolle 
des minnesanges bei der unterhaltimg der höfischen 
gesellschaft^ dass dem inhalte der vorgetragenen lieder 
das persönliche und allgemeine möglichst abgestreift 
werde; denn sollten die lieder allgemein verständlich 
sein, dann durften sie möglichst wenig anspielungen 
enthalten, die das persönliche eigentum der nächst 
beteiligten waren, diesen gesichtspunkt hat Gröber 
s. 663 sehr gut herausgehoben, er gilt ebenso für 
den deutschen minnesang. — endlich beruht die 
höfische lynk der Romanen in ihrem Ursprünge auf 
den »objektiven gattungen«, deren Irrealität offen- 
kundig am tage liegt man denke nur z. b. an das 
tagelied: der ruf des warnenden Wächters, wenn er 
nur irgend so stattfand, wie die poesie ihn beschreibt, 
musste doch die liebenden alsbald verraten! vgl. 
Roethe, Anz. f. d. a. 16, 75. 

Zweitens: dass der deutschen minnesang gerade 
der älteren zeit wirkliche erlebnisse in biographisch 
verwertbarer gestalt darstellt, wird äusserst unwahr- 
scheinlich durch die Unselbständigkeit seines ganzen 



— 125 — 

Wesens, lieder, in denen fremde muster nachgebildet 
werden, können unmöglich echte persönliche empfin- 
dungen ausdrücken, das betont vornehmlich Jeanroy 
s. 280. 282 ff. freilich braucht das nicht unbedingt 
der fall zu sein: es kann auch ein wahres gefühl 
durch den anstoss eines fremden Vorbildes ausgelöst 
werden, im ganzen wird das aber doch sehr selten 
vorgekommen sein (auch nicht bei Heinrich von 
Morungen, dessen Originalität, wie ich glaube, zu 
stark betont wird), man muss im äuge behalten, dass 
der minnesang in Deutschland nicht bodenständig 
aufgewachsen ist, dass er in der Provence schon die 
höhe seiner ausbildung erreicht hatte, und fast ebenso 
in Frankreich, dann aber erst als bereits fertige kunst 
nach Deutschland gelangte, die forderung, dass der 
inhalt der lieder allgemein verständlich sei, wurde 
dabei schon mitgebracht, dafür zeugt auch, dass mit 
sehr geringen ausnahmen die mundartlichen besonder- 
heiten in der spräche der lyriker viel stärker zurück- 
treten als bei den gleichzeitigen höfischen epikem 
oder gar in der voraufgehenden geistlichen poesie. 
wenn Conon von Bethune sich um 11 80 beklagte, 
dass er in Paris wegen des artesischen dialektes seiner 
minnelieder getadelt worden sei, imd darauf hin besse- 
rung verspricht (Gröber s. 664), so wäre ein solches 
vorkommniss in Deutschland angesichts des uns über- 
lieferten materiales nicht leicht möglich gewesen, 
mit welcher mühe locken wir Walther von der Vogel- 
weide ein paar mundartliche reime ab, und der dichter 
der höfischen dor^oesie, Neidhart von Reuen thal, 



— I20 — 

dem Stoff und neigung die realistische behandlung 
nahe legten, wie wenig besonderheiten des Wort- 
schatzes und der spräche sind ihm abzugewinnen! 
beruhte unsere kenntniss der deutschen dialekte des 
mittelalters auf unserer lyrik, dann möchte es damit 
sehr übel stehen. 

Drittens: je bedeutender der anteil der musik 
an der ausbildung des minnesanges war, desto mehr 
muss der text an Wichtigkeit einbüssen, desto geringer 
war das interesse, ihn mit realem gehalt zu erfüllen, 
tonstücke ohne texte, wie sie Frankreich kennt (Gröber 
s. 664), haben wir in Deutschland allerdings nicht, 
aber dass es auch im deutschen minnesange formen 
gegeben hatte, in denen der musik ein starkes über- 
gewicht über den text zustand, das wird nicht in 
abrede gestellt werden können, wäre es z.b. unmöglich, 
dass man in einzelnen fällen Strophen, die derselben 
melodie folgen, aber inhaltlich gar nicht unter ein- 
ander zusammenhängen und desshalb von unseren 
kritikern jede für sich nach einander gestellt wurden, 
als teile einer mehrstimmigen composition aufzufassen 
hätte? oder dürfte man glauben, dass in solchen 
fällen auf dieselbe melodie eine anzahl von Strophen 
gedichtet wurde, die aber nicht sämmtlich vorgetragen 
zu werden brauchten, so dass das lied zu verschie- 
denen Zeiten, ähnlich den Couplets unserer volkssänger, 
mit einer verschiedenen anzahl von Strophen gesungen 
werden konnte.'^ — noch gar manche solche fragen 
wären zu verhandeln: sie mögen aber leichter auf- 
geworfen als beantwortet werden. -^ 



— 127 — 

Und sonach wäre denn der deutsche minnesang 
überhaupt alles realen gehaltes bar? mit nichten — ; 
einmal wird man schon aus der masse von dichtungen, 
welche unter diesem gesammtnamen begriffen wird, 
die Spruchpoesie ausscheiden müssen, so sehr man 
sich ehedem bemüht hat, die grenze zwischen spruch 
und lied zu beseitigen, die Übergangsformen hingegen 
hervorzuheben, es lässt sich nicht läugnen, dass 
zwischen den beiden gattungen ein wesenhafter unter- 
schied besteht, der drückt sich vor allem klar durch 
das verschiedene verhältniss aus, das lied und spruch 
zur musik haben, für das lied ist die melodie von 
grösster Wichtigkeit, nach ihr richtet sich sein bau, 
oder, umgekehrt, der bau der Strophe prägt sich in 
der melodie aus. für den spruch ist die melodie von 
sehr geringer bedeutung, hunderte von Sprüchen 
können auf eine melodie verfasst werden; es fragt 
sich, ob nicht die Sprüche auch in blosser rh3rthmischer 
recitation vorgetragen werden konnten, die beobach- 
tung hat gelehrt, dass zwischen der metrischen praxis 
in lied und spruch bei denselben dichtem unterschiede 
obwalten; sie sind gewisslich auf differenzen der 
musikalischen behandlung zurückzuführen, und sie 
pflanzen sich noch auf die spätere zeit fort: Seuflfert 
sagt mir, dass die schwanke und die meisterlieder 
des 15. jhs. (z. b. von Hans Sachs) nach verschie- 
denen metrischen grundsätzen gebaut waren, mit den 
Sprüchen nimmt übrigens der grösste teil unserer 
politischen poesie von historischem gehalt eine Sonder- 
stellung ein. 



— 128 — 

Nun kommen aber doch auch in den minneliedern 
selbst geschichtliche daten vor; wäre diesen die 
realität abzusprechen? keineswegs, solche stücke ge- 
hören zum teil der nachkommenschaft der »objektiven 
gattungen« an, wie die »klagen«, die kreuzlieder u.a.m. 
zum teil aber zeugen auch sie dafür, dass doch den 
texten der lieder in höfischen kreisen einige beachtung 
muss geschenkt worden sein, man wird es eben nicht 
für einen zufall halten dürfen, dass in Deutschland 
die alten minnesängerhandschriften ohne musikalische 
notierung überliefert worden sind: diese texte waren 
also zum lesen bestimmt, sie bildeten eine litterarische 
gattung. die musik zu ihnen ist sogar für die nach- 
weit gänzlich verschwunden. 

Das legt ims für die abschliessende betrachtung 
grosse vorsieht und Zurückhaltung auf. waren schon 
den mitlebenden Zeitgenossen der sänger die Vorgänge, 
welche sich in den liedem behandelt fanden, gleich- 
giltig, wurden sie ganz oder teilweise als gebilde 
der Phantasie angesehen, wie sie fremden Vorbildern 
nachgeahmt oder in fortlaufender kimsttradition er- 
zeugt waren, — die Stimmungen, die mit ihnen zum 
ausdrucke gelangten, sie mussten bei echten dichtem 
auch echt sein, freilich gerade sie entziehen sich voll- 
kommen jeder biographischen deutung und auf diese 
werden wir für den altdeutschen minnesang nahezu 
ganz verzichten müssen, das ist aber in viel späteren 
Zeitläuften unserer poesie auch nicht anders: die 
dichtung der humanisten, die renaissancepoesie und 
noch die anakreontik, sie alle verkleiden das wirkliche 



— 129 — 

erlebniss in ein überkommenes, in ein modekostüm, 
so dass wir für die äussere geschichte der poeten 
nichts damit anfangen können; aber auch dort ist 
unter der wirklichen dichtung die Stimmung echt, 
sie trägt das beschriebene imwahre oder halbwahre 
erlebniss zur poetischen Wahrheit empor. 

Und wäre das überhaupt vielleicht die praxis 
aller poesie als kunst? atmet bei der volkslyrik die 
dichterische Stimmung in typischen Situationen und 
motiven, wie sie von mund zu mund wandern, so 
prägt sich das subjective empfinden der kunstlyrik, 
die der schritt anvertraut wird, gleichfalls in einem 
bestände vorgegebener objectiver tatsachen aus, welche 
den echten edelglanz der poesie umschliessen wie 
die fassung den kostbaren stein, und dieses juwel 
birgt auch der altdeutsche minnesang: an den starken 
dichterpersönlichkeiten und ihrer echten empfindung, 
welche seine epoche hervorgebracht hat, freuen wir 
uns dann nicht minder, wenn wir uns bestrebt haben, 
sein aufsteigen historisch zu verstehen. 



K. u. k. Hofbuchdmckerei Karl Prochaska in Teschen. 



Von demselben Verfasser: 

Ueber die Marienklagen. Ein Beitrag zur Geschichte 
der geistlichen Dichtung in Deutschland. 4°. 

Preis fli. 2.— = Mk. 4.— 

Die humoristische Prosa des XIX. Jahrhunderts. 8« 

Preis fl. I. — = Mk. 2.— 

Vorauer Bruchstücke des Wigalois. Gratulations- 
schrift der Eberhard-Karls-Universität Tübingen zur 
400jährigen Stiftungsfeier August 1887, gewidmet von 
der Karl-Franzens-Universität Graz. Fol. 

Preis fl. 5.— = Mk. 10.— 

Ueber eine Grazer Handschrift latein.-deutscher 
Predigten. Festschrift der Karl-Franzens-Universität 
zur Jahresfeier am 15. November 1890. Gr. 8». 

Preis fl. 1.80 = Mk. 3.20 

Ueber Lesen und Bildung. Umschau und Ratschläge. 
5. stark erweiterte Auflage. (7. — 9. Tausend.) 8*. 

Preis brosch. fl. 1.80 = Mk. 3.— 

in Leinen geb. fl. 2.40 = Mk. 4. — 

in Liebhaberband fl. 3. — = Mk. 5. — 

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chungen. 8«. Preis fl. 7. — = Mk. 12. — 

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dichtung. Vier Abhandlungen. 8<>. 

Preis fl. 3.60 = Mk. 6.— 



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